Tadschikistan: Iskanderkul und Pamir Highway

Tadschikistan stand schon vor dem Start der Reise weit oben auf meiner Liste. Grund dafür war der Pamir Highway, der von Duschanbe nach Osch in Kirgisistan und durch das Pamirgebirge auf über 4000 Meter führt.
Bevor es allerdings in den Pamir ging gab es noch die Strecke von der usbekischen Grenze bis Duschanbe zu radeln. Es dauerte nicht lange, da wurde ich schon von den ersten Bergen und Schluchten empfangen. Entlang eines Flusses ging es hoch und runter, es war sehr befriedigend zu sehen, welche Höhenmeter ich zurücklegte. Da ich flussaufwärts fuhr, musste ich mir jeden Meter Abstand zum Fluss erradeln. 100 Meter auf dem Smartphone klingen nicht viel, auf der Straße war es hingegen sehr beeindruckend, wenn ich am Fluss entlangfuhr und Minuten später das Rauschen des Wassers fast verstummte und ich über die Felskante in die Tiefe blicken konnte.
Ich ließ die asphaltierte Straße hinter mir und fuhr in Serpentinen einen Berg hinauf. Ziel war der Iskanderkul („Alexandersee“, benannt nach Alexander dem Großen), einen Bergsee auf über 2000 Meter. Bei der Fahrt dorthin kam ich aufgrund des Schotters und des Gradienten ganz schön ins Schwitzen. Die kurze Abfahrt zum See hinunter und der Anblick dessen machten die Anstrengung aber wieder vergessen. Spontan entschied ich mich dazu hier einen Pausentag einzulegen. Ich kochte noch immer mit meinem selbstgebastelten Bierdosen-Alkoholbrenner, musste aber feststellen, dass mir in der Apotheke in Samarkand beim zweiten Mal Wasser statt Alkohol verkauft wurde. Glücklicherweise hatte ich am Nachmittag Feuerholz gesammelt und konnte das Kochen nach kurzer Unterbrechung fortsetzen.

Tags darauf fuhr ich wieder zur Hauptstraße hinunter um anschließend wieder bergauf zu fahren. Oben angekommen erwartete mich eine lange, schwarze, stickige Röhre, in der es neben unzähligen Schlaglöchern auch 20 Zentimeter breite Wasserkanäle an den Seiten gab. Die Rede ist vom Anzobtunnel, auch „Todestunnel“ genannt. Ein Tunnel ohne Belüftung und größtenteils ohne Licht. Mir war schon im Vorhinein klar, dass ich dort nicht durchfahren würde. Bevor ich das Bild vom Tunneleingang schießen konnte, hielt schon ein LKW und wir hievten anschließend das Fahrrad auf die Ladefläche. Von zwei geplanten Tunnelröhren wurde nur eine fertiggestellt, durch den der komplette Verkehr geleitet wird. Als ich die schnellen Autos und Überholmanöver im Tunnel sah, war ich sehr froh, dass ich die 5,5 Kilometer im LKW überbrückte.
Danach ging es bergab, 1800 Höhenmeter bis Duschanbe. Es kamen allerdings noch weitere dunkle Tunnel, jeweils nur ein paar Hundert Meter lang, und musste feststellen, dass die Batterie meines Vorderlichts alle war. Mit Stirnlampe, die nur einen Meter vor mir leicht erleuchtete, bewegte ich mich teilweise im Schneckentempo um nicht im Kanal zu landen.

Kinder (aber auch Erwachsene) riefen ständig „Hello, hello“ und streckten die Hände zum Abklatschen aus. Zwei Mal wurden mir von ihnen Steine hinterhergeworfen, sobald ich das bemerkte und anhielt, rannten sie davon und suchten das Weite. Eines Morgens versammelten sich Kinder um mein Zelt und schenkten mir Kekse und Tee, zwei Jungs begleiteten mich für eine Stunde auf ihren Rädern. Die sprachliche Barriere führte manchmal auch zu witzigen und anstrengenden Unterhaltungen. Ein Mann wollte mir einen 5 Kilo Topf Honig verkaufen, verstand aber nicht, dass ich daran kein Interesse hatte. Meine Ablehnung nahm er als Handeln war und ging mit dem Preis runter. Er platzierte den Topf sogar auf einer meiner Taschen um mir zu zeigen, dass ich doch genug Platz dafür hätte. Ein anderer Mann wollte mich unbedingt zu sich nach Hause einladen, ich wollte aber lieber alleine Pause machen und die selbstgebastelten, elektrischen Spielzeuge von einer Gruppe Jungs inspizieren. Der Mann stieg drei Mal in sein Auto, drei Mal aber auch wieder aus, packte mich schließlich am Arm und wollte mich ins Auto zerren. Es dauerte eine ganze Weile bis er es einsah und mürrisch davonfuhr.

In Duschanbe verbrachte ich zwei sehr schöne Tage. Das Hostel war voll mit Radfahrern und Motorradfahrern, die auf dem Weg in den Pamir waren oder diesen schon hinter sich hatten. Bei einem Fahrradmechaniker besorgte ich mir neue Bremsbeläge und ließ mein Fahrrad einmal durchchecken. Dabei viel uns auf, dass der Zweibeinständer, den ich in Istanbul montiert und in Usbekistan demontiert hatte, zwei Dellen in den Rahmen gedrückt hatte. Aber alles halb so wild, die Stabilität sollte nicht darunter leiden.
Von Duschanbe aus gab es zwei Möglichkeiten Richtung Osten zu fahren: die neue, größtenteils asphaltierte Südroute oder die unbefestigte Straße M41, den Pamir Highway. Die Straße war oft sehr anstrengend zu fahren, aber ich traf regelmäßig auf Touristen mit Motorrad und Auto, die mich immer wieder motivierten. Eines Nachmittags öffnete sich der Himmel und brach den Verkehr zum Erliegen. Zwei Erdrutsche, ich dazwischen. Die Bagger arbeiteten den ganzen Abend um die Straße wieder befahrbar zu bekommen. Glücklicherweise fand ich ein noch nicht fertiggestelltes Haus (mit Dach), in dem ich vor Regen und in der Nacht Unterschlupf fand. Nach einem Militärcheckpoint ging es auf eine kleinere Straße. Überwiegend Schotter und Erde, es ging hoch und runter, ich musste mehrmals durch Bäche fahren. Hier kamen mir auch sehr viele Autos und Soldaten entgegen. Sie alle waren in Tavildara gewesen, da der Präsident in der Gegend zu Besuch war. Die Stadt war sehr herausgeputzt, überall waren Flaggen und Plakate, die den Präsidenten zierten, zu sehen.

Dann begann eine kleine Odyssee. Ich fühlte mich krank, lag am frühen Abend mit leichten Gliederschmerzen und Fieber im Bett, nach 14 Stunden im Zelt fühlte ich mich besser, aber nicht fit. Innerhalb der nächsten 20 Kilometer ging es 1200 Meter bergauf. Die Straße war recht übel, es fand sich jedoch meistens eine schmale Spur, die weniger ruckelte, allerdings musste ich das Rad durch ein 30 Zentimeter tiefes Matschloch schieben. Meine körperliche Verfassung versuchte ich einfach auszublenden, ich wollte so schnell wie möglich die Passhöhe erreichen. In ein Auto wäre ich sofort gestiegen, nur bekam ich in den fünf Stunden bis zur Passhöhe lediglich drei zu sehen – alle in Gegenrichtung. Oben angekommen war ich erleichtert und machte Pause mit drei Männern, die der Bushaltestelle einen neuen Anstrich verpassten. Mit Dauerbremsen ging es den Berg hinunter, der nächste Ort war nicht mehr weit, nach 10 Kilometern musste ich jedoch einen Platten flicken und stellte fest, dass die Pumpe nicht funktionierte. Nach einer Stunde vergeblichen Pumpens fand ich schließlich eine gute Haltung, so dass ich immerhin etwas Luft – für normale Verhältnisse viel zu wenig – in den Schlauch bekam. Langsam ging es weiter bergab bis ich am Abend Kalai Khum erreichte.

Der nächste Abschnitt führte mich am Fluss Panj entlang, auf der anderen Seite befand sich Afghanistan. Es kam mir ein wenig surreal vor hier zu sein und das dort ganz gewöhnliche Leben beobachten zu können. Manchmal trennten mich nur zwanzig Meter von den afghanischen Dörfern, Schulen und Feldern. Einen Tag war ich mit zwei Franzosen unterwegs, die dann aber in das Bartangtal abbogen. Für mich ging es weiter am Fluss entlang bis nach Khorog. Eine (inoffizielle) Statistik besagt, dass 9 von 10 Touristen im Pamir mit Magen-Darm-Problemen zu kämpfen haben. In Khorog war ich an der Reihe und verbrachte über eine Woche in der Stadt. Hier konnte ich auch eine neue Flasche für meinen Benzinkocher in Empfang nehmen, sowie eine neue Pumpe, die ich beim Fahrradmechaniker in Duschanbe bestellt hatte. Er hatte sie per Taxi nach Khorog, das Geld hatte ich im Gegenzug per Fahrradkurier (zwei Engländer, die ich in Kalai Khum getroffen hatte) in die Hauptstadt geschickt.

Langsam, aber stetig ging es in höhere Lagen. Ich fuhr recht gemütlich und machte oft früher Schluss, da ich es sehr genossen hatte, die Morgen und Abende an schönen Zeltplätzen zu verbringen und mich so auch akklimatisieren konnte. An Tag 3 nach Khorog erreichte ich den ersten 4000er Pass, landschaftlich wurde es immer schöner. In der Nacht hatte es geschneit, der Schnee war aber mit den ersten Sonnenstunden wieder geschmolzen. Ich radelte zwei Tage mit einem Deutschen, der sich für zwei Wochen ein Fahrrad geliehen hatte und gelegentlich Abschnitte trampte. Hinter Murghab hatte ich immer wieder starken Gegenwind. Der ist ärgerlich, aber wenn er dir in der Nähe des Karakolsees die Moskitos vom Leib hält, wiederum gar nicht so schlecht. In einer alten Karawanserei wollte ich mir Unterschlupf suchen, musste aber feststellen, dass hier alles vollgekackt war. Die Tiere eines in der Nähe liegenden Jurtencamps verbrachten hier die Nächte. Für mich hieß es also Jurte statt altes Steinhaus. Neben dem Wind begleitete mich auch der Grenzzaun – China war nicht weit.

Die letzten Meter zum Ak-Baital

Da in den Höhen so gut wie nichts wächst, wird der Ofen mit getrocknetem Dung und Gestrüpp befeuert.

Der tadschikische Grenzposten

So fuhr ich durch den Pamir und konnte es manchmal selbst kaum fassen. Die kargen, verlassenen Landschaften, auf über 4000 Meter und um mich herum noch weitere Berge, die noch weiter in die Höhe ragten. Die letzten Kilometer der Berganstiege waren aufgrund der Höhe sehr beschwerlich. Ich atmete heftig, was schon fast dem Hyperventilieren glich, alle paar hundert Meter musste ich kurze Pausen einlegen.
Der Pamir war anstrengend, aber auch unglaublich schön. In den abgelegenen Gegenden habe ich mich sehr wohl gefühlt und selten hatte ich so eine Unbeschwertheit wie hier oben empfunden. Ein letzter Pass lag noch vor mir, dann hatte ich den trockenen Pamir hinter mir gelassen und fuhr ins grüne Kirgisistan.

Zwei Basken von Kirgisistan kommend
Usbekistan: Entlang der Seidenstraße und Zomin Nationalpark
Kirgisistan: Land der Pferde und Berge

8 Kommentare zu „Tadschikistan: Iskanderkul und Pamir Highway“

  1. Hallo Moritz,
    Schön wieder von dir zu hören 😊
    Dein Bericht und die Fotos sprechen Bände! Wirklich unglaublich was du alles erlebst und aber auch aushalten musst.
    Wie heißt es so schön?
    Der Weg ist das Ziel ! Und das ist jetzt verdammt nah 👍
    Wünsche dir weiterhin gutes Durchhaltevermögen und super schöne Erlebnisse. Bleib gesund.
    Liebe Grüße
    Nina

  2. Hey Moritz,
    … Respekt, Respekt! Gehts demnächst noch weiter durch die VRC an die Ostküste? Wünsche Dir weiterhin alles Gute!
    vG Achim

    1. Hey Achim,
      vorerst nicht, ich werde den Winter wieder über pausieren und mir in der Zeit hoffentlich das Chinavisum besorgen können. Falls das klappt, geht es im Frühjahr nach China.
      Liebe Grüße
      Moritz

  3. Hallo Moritz, salam aleikum Moritzjan,

    Dankeschön für die Zeitreise in meine Kindheit. Die tolle Bilder und dein Bericht mit den Augen eines Abendteuerer auf die alte Heimat ist sehr nostalgisch. Ich habe jedesmal beim Lesen alles riechen können…die Luft am Morgen, die Kälte…dann dieser Todestunnel … die schreienden Kinder, die eigentlich nervig sind, aber auch lustig. Die Gesichter der handelsfreudigen Verkäufer konnte ich mir sehr gut vorstellen…
    DANKESCHÖN für die REISE…

    Olga

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