Kirgisistan: Land der Pferde und Berge

Die Abfahrt von der Grenze, vom Kyzyl-Art-Pass (4280m), war klasse. Ich war in einem neuen Land und hatte die hohen Berge hinter mir und so bretterte ich euphorisch die furchtbar schlechte Straße hinunter. Ich hatte Glück, die Straße war trocken. Von anderen Radfahrern hatte ich gehört, dass sich diese bei Regen regelrechte Schlammschlachten liefern mussten. Ich fuhr in Begleitung zweier Minibusse, die nicht sehr viel schneller als ich vorankamen. Durch das heftige Ruckeln und Springen meiner Tasche auf dem Gepäckträger riss einer meiner Spanngurte. Nach 20 Kilometern erreichte ich den kirgisischen Grenzposten, ab hier gab es Asphalt und es wurde merklich grüner – den staubtrockenen Pamir hatte ich endgültig hinter mir.

Bis Osch ging es größtenteils bergab, einen Pass gab es dennoch zu bezwingen. Auf Asphalt, in niedrigeren Höhen, mit weniger Gewicht (Wasser, Essen) und ohne Gegenwind fiel mir der Anstieg aber sehr viel leichter. Auf perfekter Straße stellte ich zwei Mal einen neuen Geschwindigkeitsrekord auf, erst 74 km/h, wenig später 75 km/h.

Das Hostel in Osch war voll von anderen Fahrradfahrern, die überwiegend im Garten ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Viele nette Leute und viel gutes Essen – es nahm schon fast paradiesische Züge an.
Die Versuchung war groß die Hauptstraße von Osch nach Bischkek zu nehmen, hatte ich erstmal genug von den Bergen, herrschten dort bessere Straßenverhältnisse und gab es weniger Höhenmeter zurückzulegen im Vergleich zur Alternativroute.

Nach vier Tagen Pause sah es aber anders aus. In Dschalalabad fuhr ich von der Hauptstraße ab in Richtung Songkul. In den nächsten Tagen erwarteten mich drei Pässe und schlechte Straßen. Schotter und immer wieder Waschbretter (Querrillen). Es ging hoch und runter und das spiegelte sich auch in meiner Stimmung wider. Innerhalb eines Tages verfluchte ich mich tierisch, Stunden später beglückwünschte ich mich selber.

Serpentine für Serpentine ging es also die Pässe hoch und runter. Die Einheimischen und Touristen, die ich auf dem Weg traf sorgten immer wieder für einen Motivationsschub. Fast täglich fand ich einen genialen Zeltplatz mit wunderschönen Nachthimmeln.
Nach sieben Tagen kam ich am Songkul an, einem Bergsee auf 3000 Metern. Es dämmerte schon und wurde recht frisch also schlug ich mein Zelt bei einem der vielen Jurten-Camps auf um dort Abendessen zu können. Am nächsten Tag zog ich weiter und legte an anderer Stelle am See zwei Pausentage ein.

Auf einem kleinen Berg in der Nähe stand eine Person mit Fahrrad und rief meinen Namen. Ich war perplex, war gerade nach einem Nachmittagsschlaf aus meinem Zelt gestiegen und verstand nicht so Recht, wer mich hier kennen sollte. Nachdem ich den Berg hinaufgelaufen war und wir uns plötzlich gegenüberstanden, erkannte ich Daniel, einen Franzosen, den ich im Hostel in Osch kennengelernt hatte. Tags darauf zogen wir zusammen weiter und fuhren die nächsten drei Wochen gemeinsam durch Kirgisistan. Anstatt weiter den Weg in Richtung Norden nach Bischkek zu nehmen, fuhr ich nun nach Osten.

Nach einem Pausentag in der Kleinstadt Naryn schwangen wir uns wieder auf unsere Räder. In einem Dorf suchten wir das kleine Medical Center auf, das auch eine Apotheke beherbergen sollte. Dani wollte noch ein weiteres Medikament kaufen, bevor wir die nächsten Tage in den Bergen unterwegs sein würden. Das Medical Center hatte schon geschlossen, von einer Anwohnerin bekamen wir den Weg zum Haus der Apothekerin beschrieben. Kurz vor dem Ziel kamen uns zwei Kinder entgegen, die uns die Pillen entgegenstreckten. Bezahlung und Übergabe auf einem Feldweg; es kam mir vor wie in einem Film.

Wir waren recht langsam unterwegs, da wir die regelmäßigen morgendlichen Regenschauer im Zelt aussaßen beziehungsweise warteten bis die Zelte wieder einigermaßen getrocknet waren. Immer wieder mussten wir durch kleine Flüsse fahren. Je nach Tiefe und Breite direkt durchfahren, von Stein zu Stein springen oder Schuhe und Socken ausziehen und schieben. Am Abend waren Schuhe und Socken trotzdem nass und die Füße kalt, da kam die Einladung zum Tee in einer Jurte zur richtigen Zeit. Unser Zelt konnten wir direkt daneben aufschlagen.

Ein kleiner Laden

Da es in der Nacht geschneit hatte und es am Vormittag auch nicht aufhören wollte, blieben wir den kompletten Tag hier. Die Familie lebt vier Monate mit den Tieren auf dem Berg, die restliche Zeit des Jahres wohnen sie in einem Dorf am Issykkul-See. Schnee im August sei unüblich, normalerweise kommt er frühestens Mitte September.

In der Jurte kamen wir wieder in den Genuss von Kumys, vergorene Stutenmilch. Diese gibt es in den Sommermonaten überall zu finden. Die frische Milch kommt in ein Holzfass, in dem sich schon alter Kumys befindet, und wird mit festen Stößen eines Holzstabs für 30 Minuten bis zwei Stunden gestampft und durchgerührt. Das Getränk schmeckt leicht säuerlich-alkoholisch, manchmal auch rauchig, wenn das Holzfass zuvor eingeräuchert wurde. Ungewöhnlich, aber trinkbar; ich hatte Schlimmeres erwartet. Als wir uns von der Familie in der Jurte verabschiedet hatten, bekamen wir eine große Flasche Kumys geschenkt. Wir würden es brauchen, „Kumys gibt Power.“

Der Schnee war geschmolzen, die Straße nun teilweise matschig. Nach 25 Kilometern trafen wir auf zwei Männer, die mit ihrem Wagen im Fluss steckengeblieben waren. Da auf diesem Weg kaum Autos vorbeikamen, baten uns die Männer zurück zu den letzten Häusern beziehungsweise Jurten zu fahren und nach Hilfe zu fragen. Wir fanden keine Autos (beziehungsweise dazugehörige Fahrer), aber konnten den Leuten Bescheid geben. Wir waren den ganzen Tag unterwegs gewesen. Als wir zurückkamen schlugen wir sogleich unser Zelt auf und hörten in der Nacht wie der Karren aus dem Dreck gezogen wurde.

Der Arabel-Pass war der letzte große Pass für mich in Zentralasien und hatte es in sich. Steinig und steil, einige Meter musste ich schieben. Auf über 3800 Meter oben angekommen zog es zu, es wurde schlagartig kälter. Nasse Füße (zuvor ging es wieder durch Flüsse) und Minustemperaturen waren keine gute Kombination. In einer Jurte bekamen wir Essen und konnten uns aufwärmen. Vor zwei Tagen fiel hier ein halber Meter Schnee, die Familie riet uns nicht hier oben zu übernachten.

Auf der besten unbefestigten Straße, die mir jemals unter die Räder gekommen war – glatt wie neuer Asphalt – fuhren wir den wolkenverhangenen Berg hinunter. 2500 Höhenmeter später erreichten wir den Issykkul. Schon verrückt wie unterschiedlich das Wetter gewesen war. Zweieinhalb Stunden zuvor froren meine Füße und hatten wir eine Sicht von gerademal 20 Metern, am See war es 12° wärmer und konnten wir die Sonne sehen.

Ob das gut geht …

Nach einem weiteren Radeltag kamen wir in Karakol an und machten hier länger Pause. Wir besuchten ein Sommerfest in einem Bergdorf, wo früher eine Kohlemine für Arbeit gesorgt hatte. Mit dem Fall der Sowjetunion war diese nicht mehr rentabel und die Produktion wurde stark zurückgefahren. Stattdessen wird nun versucht den Tourismus im Dorf anzukurbeln. Neben Aufführungen von traditionellen Tänzen und Musik wurde auch der Nationalsport Kok-Boru gespielt. Dieser ähnelt dem Polo, als „Ball“ dient jedoch eine Ziege, die vor dem Spiel getötet wurde.

Mehrere Bewohner bekamen eine Urkunde überreicht, die vom Präsidenten des Landes unterzeichnet wurde. Ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kohlemine, sowie eine Frau, die sieben gesunde Kinder in die Welt gesetzt hatte, wurden geehrt. Letztere sei mit dieser Leistung ein großartiges Vorbild, dazu sei die Einwohnerzahl mit sechs Millionen Kirgisen noch ausbaufähig.

Aufgrund der Nähe zum Issykkul und vielen Wandermöglichen in der Umgebung ist Karakol der Tourismus-Hotspot in Kirgisistan. Dani und ich machten eine Tageswanderung zum Ala-Kul-See, für die normalerweise zwei oder drei Tage in Anspruch genommen werden. Die insgesamt 55 Kilometer waren zu viel für mich, am späten Nachmittag schmerzten mir Beine und Knie, so dass ich nur schwer laufen konnte.

Die letzten Kilometer legte ich im Sammeltaxi zurück, was einer Achterbahnfahrt glich – auf einer Straße, die dieses Nomen nicht verdient hatte. Vor Fahrtantritt wunderte ich mich über den hohen Preis – hatte aber keine andere Wahl – und verstand später wie dieser zu Stande kam: 1,5 Stunden für 15 Kilometer.

Ein russisches Bad mit Sauna (Banja) und eine Massage halfen nur bedingt bei den Muskelschmerzen. Nach zwei Tagen Warten hatte ich aber genug und wollte weiter in das nächste Land: Kasachstan.

 

Tadschikistan: Iskanderkul und Pamir Highway
Kasachstan: Durch die Steppe an die russische Grenze

4 Kommentare zu „Kirgisistan: Land der Pferde und Berge“

  1. …Uuuhhh🙈🙈🙈, haben die Taschen dicht gehalten? Wenn ja, dann musst du die Filmsequenz unbedingt an die Firma Ortlieb schicken😊😊😊.

    Grüßle
    Mama

  2. Falls du kein Buch schreiben solltest… einen sehr schönen Vortrag mit diesen Bildern tut es auch. Wahnsinnig schön.
    Liebe Grüße, Frank

  3. Hey Moritz, dein Bericht und die Bilder sind wieder so traumhaft schön, wirklich der 🔨. Die Landschaft und die sagenhaften Pässe haben uns veranlasst zu sagen: Das wäre eine tolle Tour für uns mit unseren Suzuki Jimny 😊 ( zum radeln sind wir zu alt 😅)
    Aber wir warten natürlich bis du wieder daheim bist und uns noch mehr darüber erzählen kannst.
    Also, schreibe bitte weiter deine Erlebnisse auf und lass uns daran teilnehmen.
    Bin gespannt wie du den anstehenden Winter verbringst.
    Bleib gesund 😊
    Liebe Grüße
    Nina

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