Kasachstan: Durch die Steppe an die russische Grenze

Im ersten kleinen Ort hinter der Grenze verbrachte ich einige Tage, da ich krank war. Hier gab es nicht viel, ein Hotel und ein paar Restaurants und Märkte entlang der Hauptstraße. Einmal täglich verließ ich das Hotel, die restliche Zeit verbrachte ich größtenteils im Bett.

Als es mir besser ging, fuhr ich weiter und legte einen Stopp am Charyn Canyon ein. Die roten Felsen, durch die sich der Charyn Fluss schlängelt, waren schön anzuschauen und so verbrachte ich eine Nacht hier. Tags darauf begab ich mich auf die Straße, die am Großen Almaty Kanal entlangführte. 150 Kilometer am Wasser entlang, regelmäßige Apfelplantagen ließen darauf hindeuten, dass ich der Stadt des Apfels (Alma) immer näherkam.

Almaty kam mir vor wie Europa. Von kleinen „Tante Emma“ Läden war nichts mehr zu sehen, stattdessen teure Autos, westliche Restaurants, Cafés und Shopping Malls. Hier traf ich wieder bekannte Gesichter und verbrachte entspannte Tage mit anderen Reisenden in einem gemütlichen Hostel.

Mit dem Minibus machte ich einen kleinen Abstecher ins vier Stunden entfernte Bischkek, Hauptstadt von Kirgisistan, um zwei Franzosen zu treffen, die ich im Pamir kennengelernt hatte und eine neue Zeltstange abzuholen.

Zurück in Almaty schwang ich mich wieder auf mein Rad, es ging Richtung Norden. In den nächsten zehn Tagen legte ich 1200 Kilometer zurück und lernte die kasachische Steppe kennen. Was auf dem Papier anstrengend klingt, war für mich eine der besten Zeiten seit ich unterwegs war. Ohne große Mühe legte ich Tag für Tag meine Strecken durch die monotone, flache Landschaft zurück. Weite Sicht, einfach zu findende und schöne Schlafplätze, tolle Sonnenuntergänge, die den Himmel in einem 90 Grad Winkel bunt erleuchten ließen. Ich hatte Unmengen an Energie, woher ich diese nahm, weiß ich selbst nicht genau. Vielleicht der starke Kontrast zu den letzten Wochen in Kirgisistan und Tadschikistan oder zu wissen, dass ich mich auf der letzten Etappe dieses Jahres befand.

An den meisten Tagen kamen alle 30 bis 60 Kilometer Dörfer oder kleine Städte, wo ich Pausen einlegte. Sie waren wie Oasen, wo ich mich mit Lebensmitteln eindecken und essen konnte. Sowohl in den Dörfern als auch auf der Straße fanden sich immer Leute um nette, kurze Unterhaltungen führen zu können. Zwar in rudimentärem Russisch und den immer wiederkehrenden gleichen Fragen (Woher, wohin, wie lange, Job, Familie), aber über den herzlichen Austausch freute ich mich sehr.

Botenfahrer: ein LKW-Fahrer fragte mich, ob ich das Starthilfekabel 3 km transportieren könnte. Der Abnehmer würde sich zu erkennen geben.

In Almaty hatte ich noch gezögert hier lang zu fahren, auf einer Webseite war von verschiedenen Nutzern über diesen Streckenabschnitt nichts Gutes zu lesen. „pretty bad road“,“one of the worst roads worldwide. About 650km construction works … Desaster!”, “700km hell”.

Das traf alles zu. China baut auf 700 Kilometern einen Teil der neuen Seidenstraße, die alte Straße beziehungsweise die Ausweichstrecken waren nicht im besten Zustand – viele Löcher oder tiefe Längsrillen. Die Berichte waren aber alle von Autofahrern, die durch die bescheidenen Bedingungen stetig zum Bremsen gezwungen waren. Für mich war die Straße zu 95% kein Problem, da ich die löchrigen, holprigen Stellen umfahren konnte. Die realen Verhältnisse waren um Welten besser als erwartet, ein weiterer möglicher Grund, warum ich auf diesem Abschnitt diese Leichtigkeit verspürte.

Mein Ziel war die Stadt Semei. Am Tag meiner Ankunft saß ich fast zehn Stunden im Sattel und freute mich auf ein Hotel. Das hatte zwar kein WLAN und keine warme Dusche, dafür gab es im Erdgeschoss des Hauses einen Club, der die Musik aufdrehte und den Fußboden in meinem Zimmer zum Vibrieren brachte.

Die Stadt erlangte Berühmtheit durch das Atomwaffentestgelände der Sowjetunion, welches 150 Kilometer westlich von Semei liegt. Knapp 500 nukleare Bombentests wurden durchgeführt, die Bevölkerung hat mit den gesundheitlichen Auswirkungen noch heute zu kämpfen.

Kasachstan gewährt den meisten Reisenden einen 30 tägigen visumsfreien Aufenthalt. Da ich gerne länger als einen Monat bleiben wollte, trampte ich an die russische Grenze und hoffte einen neuen Einreisestempel zu bekommen.

Die Ausreise klappte problemlos, die Einreise stellte sich als schwierig dar. Ohne russischen Ausreisestempel konnten sie mich nicht nach Kasachstan lassen. So stand ich also im Niemandsland, ohne in eines der beiden Länder einreisen zu können. Für Russland hätte ich ein Visum benötigt.

Die kasachischen Beamten telefonierten und berieten sich. Schlussendlich bekam ich einen weiteren Stempel in den Pass („annulliert“) und durfte zurück nach Kasachstan. Den Ausreisestempel hätte ich ohne Russland-Visum gar nicht bekommen sollen, der Grenzbeamte verstand jedoch „Ich brauche kein Visum“ anstatt „Ich habe kein Visum.“

Obwohl sich meine Situation dadurch nicht verändert hatte, beschloss ich nach Astana zu fahren. Es würde eine enge Kiste werden rechtzeitig auszureisen, aber das würde schon irgendwie klappen. Wenig später legte ich aber doch eine 180° Wende hin. Von Semei schaffte ich es am ersten Tag gerade einmal 30 Kilometer aufgrund starken Gegenwinds, zudem hatte es in der Nacht Frost und Minusgrade gehabt. Da sich die Wetterbedingungen in den nächsten Tagen nicht ändern sollten, verflog meine Motivation und ich drehte um.

Gepäckkontrolle, einmal alles durch den Scanner. Auf dem Bahnsteig gab man mir zu verstehen, dass für mein Fahrrad kein Platz im Zug sei. Einen Gepäckwaggon gab es nicht und die Gänge wären zu schmal. Zwei Tage zuvor hatte mir allerdings die Ticketverkäuferin erklärt wie es läuft: „Dengi, dengi“ („Geld“), während sie ein Abzeichen auf ihrer Schulter nachzeichnete. So kam es dann auch, zwei Minuten vor Abfahrt war mein Fahrrad verstaut und der Schaffner hielt die Hand auf.

21 Stunden später war ich zurück in Almaty. Nach 15 Monaten war ich nun auch das erste Mal beklaut worden. Während der Zugfahrt wurden die … Ventilkappen entwendet. Es sei ihr/ihm gegönnt.

Ich verbrachte noch eine weitere Woche in Almaty, die Fahrradsaison war für dieses Jahr beendet. Ich hatte ausgemistet, alles gründlich geputzt und schließlich das Fahrrad weggeräumt.

September/Oktober 2019

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1 Kommentar zu „Kasachstan: Durch die Steppe an die russische Grenze“

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