Türkei: Zum Schwarzen Meer

Bei Sonnenschein fuhr ich in Avanos los und machte mich auf den Weg in Richtung Norden. Die nächsten Tage konnte ich es sehr gemütlich angehen lassen, da meine Gastgeberin in Samsun die darauffolgenden Tage noch nicht in der Stadt war. Ich radelte täglich gut 15 Kilometer weniger und verbrachte somit mehr Zeit in den Dörfern und Städten. Während den Pausen wurde ich oft von den Einheimischen angesprochen, egal ob ich im Supermarkt, Restaurant oder einem Café war. Die Unterhaltungen sind zwar immer noch sehr simpel, allerdings kann ich zumindest auf die gängigsten Fragen auf Türkisch antworten. Ab und zu fanden sich auch Leute, die Deutsch, Englisch oder Französisch sprachen.
Da ich der Kälte und Nässe beim Zelten gerne aus dem Weg gehen wollte, versuchte ich so oft wie möglich einen überdachten Unterschlupf am Abend ausfindig zu machen. Höhlen eignen sich ganz hervorragend dafür, habe ich bisher aber nur einmal gefunden. Des Öfteren fragte ich bei Moscheen, ob ich mein Zelt auf ihrem Gelände aufschlagen könnte. Dies war meistens aber nicht nötig, da mir die unterschiedlichsten Räume angeboten wurden: Aufenthaltszimmer, Lagerraum oder Klassenzimmer. Mit Holzofen, elektrischer Heizung oder im Kalten in einem Bett oder auf dem Boden. Den Abend verbrachte ich mit den Bewohnern im Café des Dorfes. Für Tee und Abendessen wurde ebenfalls gesorgt, sofern ich nicht vehement ablehnte. Eines Abends, als ich keine Menschen auf der Straße antraf, klopfte ich an einem Fenster eines Hauses in der Nähe der Moschee. Die Dame war wohl ziemlich erschrocken, hatte sie doch erstmal die Tür verschlossen, als sie feststellte wer da am Fenster stand. Nach einem äußerst kurzem, aber effizientem Gespräch („Schlafen? Zelt? Moschee?“ – „Okay.“ – „Problem?“ – „Nein.“ – „Danke.“) schob ich mein Rad auf das Moscheegelände und machte es mir neben den Waschbecken gemütlich.

Nach einer Woche radeln erreichte ich das Meer und verbrachte die nächsten Tage bei Ayça, einer Freundin von Gökçe aus Istanbul, und ihrer Schwester Çağla. Die Beiden stellten mich vielen von ihren Freunden und Freundinnen vor, so dass ich mich innerhalb weniger Tage richtig wohl hier fühlte. Wir verbrachten viel Zeit in Cafés, Bars und Restaurants, die Strandpromenade lud zum Spazieren ein, vor allem da die Wohnung nur zwei Gehminuten vom Meer entfernt liegt. Weihnachten verlief sehr unspektakulär, immerhin blieb ich so dieses Jahr von den nervtötenden Weihnachtsliedern verschont. Lichterketten waren trotzdem überall zu sehen, die Straßen und Häuser sollten eben für Neujahr verschönert werden.
In Samsun war es schließlich auch Zeit einem Hamam, einem traditionellen türkischen Bad, einen Besuch abzustatten. Ayças Kumpel Ömer begleitete mich und zeigte mir wie man sich „richtig“ wäscht. Zunächst kann man in einem gewöhnlichen Schwimmbecken noch ein paar Bahnen ziehen, danach ging es in das eigentliche Hamam, eine Art Dampfraum, wo man sich mit Hilfe eines Schälchens im Sitzen mit Wasser übergießt. Hier findet auch die „Massage-Reinigung“ statt. Man legt sich auf eine warme Steinplatte und wird von einem Mitarbeiter gewaschen. Zuerst wird der komplette Körper mit einem leicht kratzenden Handschuh gereinigt, danach eingeseift. „Massage“ deshalb, weil während des Einseifens auch die Muskeln gelockert werden. Für mich war das ganz angenehm, da Ömer meinem Masseur mitteilte, dass ich ein „Alman“ sei und dieser mich daraufhin nicht ganz so intensiv durchknetete. Die türkischen Männer, die nach mir an der Reihe waren, ließen aber recht häufig einen lauten Schrei los. Ömer verzichtete sogar ganz darauf. Nachdem wir eineinhalb Stunden von überdurchschnittlich warmen Temperaturen umgeben waren – zwischenzeitig auch kurz in der Sauna – war es Zeit auf einer Liege mit einem Soda-Ayran zu entspannen. Der Hamam-Besuch hat mir super gefallen und ich muss zugeben, dass ich mich lange nicht mehr so sauber gefühlt habe. Dieses Gefühl verflog aber relativ schnell, jetzt bin ich wieder „dreckig“.

Nachdem mir auf dem Weg von Istanbul nach Kappadokien ein Verbindungsstück einer meiner Zeltstangen gebrochen war, hatte ich nach etwas Wartezeit in Samsun das Ersatzteil erhalten. Blöderweise konnte ich dies nicht austauschen, da sich das kaputte Teil wie von Geisterhand nicht mehr bewegen ließ. Zwei Tage hatte ich mit Klopfen und Hämmern versucht das Verbindungsstück aus der Zeltstange zu bekommen, es rührte sich aber keinen Millimeter. Mir blieb nichts anderes übrig als eine komplett neue Zeltstange zu bestellen. Diese wurde mittlerweile schon versendet und ich werde diese in Tiflis in Empfang nehmen können. Trotz der defekten Stange ist das Zelten immer noch möglich – Notfallstängchen und Gaffa-Tape sei Dank.

Nach eineinhalb Wochen in Samsun ging es wieder auf die Straße. Nachdem ich die letzten Wochen überwiegend Felder zu meiner Linken und Rechten hatte, freute ich mich täglich das Meer zu sehen. Ab und zu konnte ich auch die Hauptstraße verlassen und Nebenstraßen direkt an der hügeligen Küste folgen. Erst hier bemerkte ich wie sehr mir diese ruhigeren Wege fehlten. Weg von den vielen Autos und LKWs, wieder in der (noch recht urbanen) Natur und zum Beispiel einen Zeltplatz direkt am Strand. Die Nacht am Strand war allerdings nicht so gemütlich wie man es sich vielleicht vorstellen mag. Am späten Abend fing es an zu stürmen, in der Nacht schwappten dann die Wellen an mein Zelt, obwohl ich dies auf einer 30 Zentimeter höher gelegenen Betonebene 20-30 Meter vom Meer entfernt aufgeschlagen hatte. Sand, Äste und Müll wurden vor den Eingang gespült, die schweren Steine, mit denen ich mein Vorzelt abgespannt hatte, wurden weggeschwemmt. Ich war froh am nächsten Morgen ein klatschnasses Paar Schuhe in den Händen halten zu können, dieses hätte ohne Weiteres auch im Meer verschwinden können. An der ersten Tankstelle legte ich eine zweistündige Pause ein um meine Schuhe und Socken zu trocknen. Die netten Mitarbeiter luden mich zum Mittagessen ein, kurz vor meiner Weiterfahrt bot mir ein Deutsch-Türke noch seine Hilfe und Geld an. Auf dem Weg nach Trabzon konnte ich auch wieder zwei Nächte im Warmen verbringen – bei einer Moschee und einem Restaurant.

Wenn Langeweile aufkommt: einfach mal Surfen gehen. Mit Isomatte 😉

In Trabzon habe ich drei Tage bei Gürhan verbracht, der auch der Couchsurfing-Guru von Trabzon genannt wird. Er akzeptiert so gut wie jede Anfrage, falls in seiner Wohnung kein Platz mehr ist, versucht er die Couchsurfer bei Freunden unterzubringen. Bei Gürhan haben schon 18 Leute zur selben Zeit übernachtet. Während meines Aufenthaltes habe ich Menschen aus Russland, Korea, Deutschland, Kanada, der Türkei und Mongolei kennengelernt. Seit Trabzon habe ich nun auch das Visum für den Iran im Pass. Der Besuch beim Konsulat war ziemlich entspannt und innerhalb von einer Stunde und zehn Minuten erledigt. Das hatte ich so nicht erwartet, nachdem der Antrag der Referenznummer zwei Mal abgelehnt wurde und erst genehmigt wurde als ich diesen über eine Reiseagentur stellte.

Die Polizei steht öfters am Straßenrand und kontrolliert den Verkehr …
… oder auch nicht. Dieses „Auto“ ist sogar mit Blinklicht ausgestattet.

Nach fast zwölf Wochen in der Türkei werde ich das Land in zwei Tagen verlassen (müssen). Schon ein wenig verrückt, wenn man bedenkt, dass ich in den ersten drei Monaten meiner Reise zwölf Länder passierte und die letzten drei Monate in der Türkei verbrachte. Ich erinnere mich noch an die erste Einladung zu Tee und Frühstück von vier Reisbauern. Zusammen saß ich mit ihnen für eine halbe Stunde am Tisch und mit Zeichnungen und Zahlen versuchten wir uns zu verständigen. Damals war mir noch nicht bewusst wie viele Einladungen zum Tee trinken, Essen und Übernachten folgen würden und wie viele unterschiedliche Menschen ich kennenlernen würde.
Noch zweieinhalb Tage Radeln, dann heißt es: Güle Güle, Türkiye. Çok teşekürler.

Türkei: Kappadokien
Von der Türkei nach Georgien

4 Kommentare zu „Türkei: Zum Schwarzen Meer“

  1. Lieber Moritz,

    da hast du aber wieder viel erlebt zwischen Kappadokien und Trabzon.
    Nur das durchnässte Zelt hätte nicht sein müssen. Grrr…
    Da hätte ich – so was von- die Hosen voll gehabt.
    Wir wünschen dir weiterhin viele, viele Supermarkt-, Restaurant-, Cafe- und Couchsurfing-Freundschaften (mit und ohne „tschai“) auf deiner weiteren Reise nach Tiflis!!!
    Jetzt bist du in der Welt zu Hause🌏❣
    Güle güle Avropa🤗🤗🤗
    Ach ja, und wir haben übrigens ganz unspektakulär an Weihnachten keine Lieder gesungen😉😘

    ☃Grüßle aus dem verschneiten Schmiden☃

    1. Das Singen zu Hause war ja meistens nach zwei Minuten erledigt, meinte Lieder wie ‚Last Christmas‘ um die man nicht herumkommt 😉

  2. Lieber Moritz,

    ein weiter so trotz aller Widrigkeiten…das ist super !
    Viel Spaß beim Radeln und eine spannende und neugierige Weiterreise mit neuen Bekanntschaften.
    Liebe Grüße
    Papa

  3. Lieber Moritz,
    jetzt hast du deinen persönlichen „Moxit“, also den Austritt aus Europa geschafft!
    Andere brauchen dafür länger als 2 Jahre😉
    Freue mich jedesmal auf deinen neuen Reisebericht und ab jetzt wird es dann doch noch deutlich exotischer hinsichtlich der Städte, Länder etc.
    Hab weiterhin eine gute und sichere Reise 👍🏻
    Liebe Grüße, Frank

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