Türkei: Kappadokien

Nach über fünf Wochen war es Zeit Istanbul zu verlassen. Ich rollte den Hügel zur Küste hinunter, doch bevor ich diese erreichte riss meine Kette. Diese hatte ich ein paar Tage zuvor selbst aufgezogen, bei der Montage ist mir aber schon aufgefallen, dass die vernietete Stelle etwas wackelig war. Ich dachte aber es hält – leider nur für zwei Kilometer. In einem nahgelegenen Fahrradladen wurde die Kette ordentlich vernietet und kurze Zeit später radelte ich an der Küste entlang. Um die verkehrsreichen Straßen östlich von Istanbul zu meiden, nahm ich eine Fähre von Pendik nach Yalova. Ab hier war ich wieder auf ruhigen Straßen unterwegs, die mich durch Dörfer führten. Nachdem ich am zweiten Tag wieder einmal im Matsch stecken geblieben war und mein Fahrrad 400 Meter einen Hügel hinaufschleppen musste, entschied ich mich dazu nur noch auf Hauptstraßen zu fahren. Auf den autobahnähnlichen Straßen kam ich schnell voran, viel zu sehen gab es allerdings nicht. Der Großteil der umliegenden Flächen wird landwirtschaftlich genutzt und es reiht sich Feld an Feld. Bäume und Büsche waren Mangelware, was die abendliche Schlafplatzsuche nicht gerade erleichterte. Da die Tage nun etwas kürzer sind, versuche ich die Helligkeit voll auszunutzen und bis kurz vor Sonnenuntergang auf dem Rad zu sitzen. Dies hat zur Folge, dass ich seit Istanbul nur an zwei Abenden eine warme Mahlzeit zubereitete, da ich einfach zu faul war (und noch immer bin) bei Dunkelheit und vor allem in der Kälte (manchmal auch im Nassen) vor dem Zelt zu sitzen. Auf warmes Essen muss ich trotzdem nicht verzichten, findet man doch fast überall Restaurants beziehungsweise Rasthöfe mit günstigen Preisen. Der Klassiker: Linsensuppe und Reis/Bulgur mit Bohnen. Oder natürlich (kaltes) Çiğ Köfte, das sich auch super in einer Fahrradtasche mitnehmen lässt. Die Einladungen zum Tee trinken erfahre ich nach wie vor täglich, mein persönlicher „Rekord“ liegt bei neun Tassen.

Mehmet aus Bözüyük – Er wollte mich die gegessen Çiğ Köfte Dürüm nicht bezahlen lassen (Widerrede war zwecklos) und gab mir stattdessen auch noch eine Tüte voller Gebäck mit auf den Weg

So fuhr ich Kilometer für Kilometer in Richtung Südosten, nach ein paar Tagen hatte ich auch wieder in meinen Radelrhythmus zurückgefunden. Die unspektakuläre Landschaft, Regen, Wind machten mir nichts aus, ich hatte überwiegend gute Laune und freute mich wieder mit meinem bepackten Fahrrad durch die Gegend rollen zu können. Je weiter ich mich von Istanbul entfernte, desto kälter beziehungsweise feuchter wurde es. Tagsüber war dies kein Problem, ich hatte genug Lagen an, sodass mir beim Fahren immer warm genug war. Unangenehmer sind da schon die Nächte aufgrund der Kälte und Kondensation. Am Morgen ist alles nass: Zelt, Schlafsack, Kleidung. Selbst unter der Isomatte sammelt sich Wasser an. Wenn es zusätzlich noch regnet, halte ich ein triefend nasses Zelt in der Hand, so dass sich nach dem Aufbauen Pfützen am Zeltboden bilden. Bei Minusgraden gefriert dies zusätzlich. Der Anblick von glitzernden Eiskristallen im Zelt ist zwar schön, aber wenn der Reisverschluss nicht mehr rund läuft, die Zeltstangen am Boden festfrieren oder ich am Morgen in ein gefrorenes Paar Schuhe steigen muss bin ich gefrustet und genervt. Der Ärger verfliegt aber relativ schnell, sobald alles zusammengepackt ist und ich in der kühlen, frischen Luft durch schneebedeckte Landschaften fahre.

Wie zu Beginn schon erwähnt gestaltete sich die Suche nach einem Zeltplatz oft schwieriger und so war ich ziemlich begeistert als ich ein paar Kilometer hinter Eskişehir einen Stausee, der von Felsen und Bäumen umgeben war, ausmachte. Während ich mein Fahrrad die Böschung hinauf schob hielt ein LKW auf dem Standstreifen und dessen Fahrer kam wild gestikulierend auf mich zugelaufen. Er textete mich auf Türkisch zu, erwähnte mehrmals die Polizei und deutete immer wieder auf die Straße, auf die ich laut ihm zurückkehren hätte sollen. Ich weiß nicht warum er so aufgebracht war, ob er wirklich wütend war oder mir vielleicht auch einfach nur helfen wollte. Nach drei Minuten ununterbrochenem Gerede ließ er mich allein zurück. Ich verbrachte eine ruhige Nacht am See – ohne Polizei.

In Sivrihisar wollte ich eigentlich nur einen kleinen Essensstopp einlegen und so fragte ich den 19-jährigen Selçuk, wo ich ein Restaurant finden könnte. Dieser beschloss kurzerhand mir eine Führung durch die Kleinstadt zu geben und so sah ich den historischen Uhrenturm und die komplett aus Holz gebaute Ulu Cami Moschee aus dem 13. Jahrhundert. Nach einem Aufenthalt von drei Stunden in Sivrihisar machte ich mich wieder auf den Weg. Kurz vor Polatlı bog ich von der Hauptstraße ab um einen Schlafplatz zu finden. Es waren wieder einmal nur Felder und keine Bäume zu sehen und so fand ich mich irgendwann (mal wieder) auf einem matschigen Feldweg wieder. Just in diesem Moment hielt ein Auto neben mir, das Fenster wurde heruntergekurbelt und der nette Mann fragte mich einfach nur „Why?“. Da ich keine zufriedenstellende Antwort auf diese Frage hatte, nahm ich seine Einladung zu einem Çay gerne an. Ich landete im einzigen Café des zwei Kilometer entfernten Dorfes Karailyas. Die Einheimischen waren nicht gerade begeistert, als ich ihnen von meinen Plänen erzählte draußen übernachten zu wollen. Es wäre viel zu kalt, außerdem gäbe es Wölfe, im Zelt zu schlafen kommt nicht in Frage. Während die Dorfbewohner mir einen Schlafplatz organisierten nahm mich Hidayet mit nach Hause, wo ich mit seiner Familie zu Abendessen durfte. Anschließend ging es wieder ins Café, mein Fahrrad wurde in einen kleinen LKW verfrachtet und wir fuhren einige Kilometer aus dem Dorf hinaus bis wir bei einer Schaffarm ankamen. Hier übernachtete ich bei Mehmet, Zafer und Hassan. Bei den Dreien verbrachte ich einen sehr netten, lustigen Abend inklusive einer Einführung in das türkische Tanzen sowie jeder Menge Çay und Essen.

Nach zwei weiteren Radeltagen erreichte ich den Tuz Gölü („Salzsee“), den zweitgrößten See der Türkei. In den Sommermonaten liegt er fast komplett trocken, jetzt im Winter ist ein wenig Wasser zu sehen. An den Ufern ist dieses aber nur wenige Zentimeter tief. Vom See waren es nur noch wenige Kilometer bis nach Aksaray, was die westliche Grenze Kappadokiens darstellt und so begann meine kleine „Sightseeing-Rundfahrt“. Ich schaute mir die Kirchen und Höhlenbauten in Güzelyurt und im Ihlara-Tal an, in denen man teilweise recht schöne und gut erhaltene Fresken finden kann. Der Anblick der durchlöcherten Felswände von etwas weiter Weg ist sehr sehenswert. Bemerkenswert fand ich die unterirdische Stadt Derinkuyu, die unzählige Gänge und Räume beherbergt, mit Belüftungsschächten ausgestattet ist und bis in eine Tiefe von 55 Metern reicht.

Die nächsten Tage verbrachte ich im Zentrum Kappadokiens rund um Göreme. Hier gefiel es mir unglaublich gut, da die Landschaft einfach grandios ist. Die verschiedensten Täler zu durchlaufen hat mir sehr viel Spaß bereitet. Ich finde es klasse, dass man nicht an feste Wege gebunden ist und jede Ecke der Täler erkunden kann. Gemütlich spazieren gehen, über Felsen klettern, sich durch enge Tunnel zwängen oder auch mal im tief gebückten Entengang dem Lauf eines ausgetrockneten Flussbetts folgen. Da die Täler in ihrem Erscheinungsbild sehr abwechslungsreich sind, wurde mir hier nicht langweilig. Die meisten Tage verbrachte ich bei Arafat, der mir viel über die Geschichte und Kultur der Uiguren erzählte, eine Minderheit im Westen Chinas, durch deren Gebiete ich vermutlich nächstes Jahr radeln werde. Zur selben Zeit übernachteten auch Emi und Andreas bei Arafat, die mich in den türkischen „Nationalsport“ des Backgammonspielens einweihten.

Nach knapp einer Woche in Kappadokien werde ich mich von dieser schönen Landschaft wieder verabschieden müssen. Die nächsten Tage fahre ich nach Norden bis ich das Schwarze Meer erreichen werde.

Türkei: Istanbul und ein Ausflug nach Süden
Türkei: Zum Schwarzen Meer

16 Kommentare zu „Türkei: Kappadokien“

  1. Hallo Moritz,

    Respekt, Respekt für deine „Freilandübernachtungen“.
    Ich wünsche dir auf der Fahrt an die Schwarzmeerküste, dass kurz vor Sonnenuntergang – wie aus dem Nichts – immer ein Dorf mit Übernachtungsmöglichkeit auftaucht.
    Bei den bizarren Steinformationen, den Höhlenkirchen und unterirdischen Städten werden schöne Erinnerungen an dieses einmalige Welt- und Naturerbe wach. Die Fotos von der surrealen Märchenlandschaft Kappadokiens sind einfach faszinierend.
    Hast du auch Heißluftballons gesehen?

    Ich wünsche dir ein gutes Weiterradeln, und wie gesagt zum Abend hin immer ein Dorf :-)))))

    Grüßle
    Mama

    1. Heißluftballons habe ich keine gesehen. Ich war bei Sonnenaufgang in Göreme, aber die Ballons sind aufgrund von starkem Wind nicht gestartet.

  2. Lieber Moritz,
    was für tolle Bilder😍
    Jetzt läuft es wieder bei dir! Und schon erstaunlich, wie sich doch fast jeden Tag ein neues, warmes Plätzchen für dich findet. Ich hoffe für dich, dass dies so in den nächsten Wochen weitergeht.
    Liebe Grüße und weiterhin viele interessante Begegnungen, Frank

  3. Lieber Moritz, nach deiner Rückkehr solltest du unbedingt über ein Buch zur Reise nachdenken. Das Lesen deiner Berichte macht solch großen Spaß, dass möglichst noch viel mehr Menschen in diesen Genuss kommen sollten … Dir weiterhin eine gute Fahrt mit beeindruckenden Naturerlebnissen und sympathischen Reisebekanntschaften, Kristiana

    1. Ohje, ich weiß nicht, ob ich dir diesen Wünsch erfüllen kann. Ich sitze schon lang genug an diesen kurzen Berichten, ein ganzes Buch zu füllen dürfte bei meiner Schreibgeschwindigkeit Ewigkeiten dauern. Aber vielleicht wird’s ja ein Bilderbuch oder Comicheft. Ein paar Sprechblasen einzufügen dürfte nicht zu schwer sein.

  4. …ja, Kristiana hat absolut Recht, diesen Gedanken hatte ich auch schon. Deine Geschichten sind- ich glaube für jeden der sie liest, total fesselnd und alle Fotos eine Augenweide…🤗

  5. Hallo Moritz,

    ich habe mich wieder sehr über deine tollen Fotos und die spannenden Geschichten gefreut.
    Wünsche Dir für jeden Abend einen trockenen Schlafplatz und ein warmes Abendessen.
    Weiterhin viele gute Erfahrungen, tolle Sehenswürdigkeiten und freundliche Begegnungen auf Deiner Reise.
    Liebe Grüße
    Papa

    1. Hallo Papa,
      einen trockenen Schlafplatz zu finden klappt ganz gut. Ich habe einmal in einer Art Höhle übernachtet und schon zwei Mal bei Moscheen Unterschlupf gefunden.
      Liebe Grüße

  6. Hey Moritz,
    sitze hier im Büro an meiner Thesis und verliere mich in deinen Blogs, da wird auch ziemlich das Fernweh in mir geweckt 🙂 weiter arbeiten geht danach defintiv nicht mehr. Einfach super wie du das durchziehst, größten Respekt!
    Ich hoffe du erreichst dein Ziel und bleibst auf deiner Reiße gesund!
    Freue mich auf weitere Nachrichten von dir.

    BTW: Der Bart stand dir besser als der Zopf 😉

    Viele Grüße aus Stuttgart,
    Ricky

    1. Hey Ricky,
      freut mich, dass ich dich erfolgreich von deiner Thesis ablenken kann. Ich wünsche dir aber viel Erfolg dabei und hoffe, dass es bald rum ist. Brauchst dich nicht so lange mit der Thesis rumschlagen wie ich das getan habe 😉

      Der Bart wird bald wieder da sein, Zopf mal schauen, wäre ja frühestens in 1 – 1,5 Jahren soweit. 😀

      Hat mich gefreut von dir zu hören.
      Grüße

      Moritz

  7. Hallo Moritz!
    Deine Berichte sind wirklich sehr interessant und toll zu lesen…
    Wir hoffen natürlich das es für Dich so weitergeht und Du immer so nette und freundliche Menschen kennenlernst.
    Die kalte Jahreszeit ist ja nicht immer so einfach zu meistern. Hoffentlich findest du die richtigen Unterkünfte.
    Weiterhin viel Spaß bei deiner Tour und
    Bleib vor Allem gesund
    Liebe Grüße
    Manfred und Ute

    1. Hallo Ute und Manfred,
      vielen lieben Dank. Gesundheitlich geht es mir zurzeit bestens und ich bin auch zuversichtlich, dass ich weiterhin auf freundliche Menschen treffe und (warme) Unterkünfte auffinden kann.
      Liebe Grüße und frohe Weihnachten 🙂
      Moritz

  8. Lieber Moritz,
    wir wünschen dir einen vor allem gesunden Start in das Jahr 2019.
    Hab heute einen schönen Jahresausklang und wir freuen uns über viele weitere Geschichten im kommenden Jahr von dir.
    Liebe Grüße Kristiana, Anna und Frank

  9. Hallo Moritz,
    Ich wünsche dir für 2019 weiterhin viele tolle Eindrücke auf deiner Reise.
    Ich lese immer gerne deine Berichte, für mich ist das immer eine kleine Auszeit, so klasse sind deine Erlebnisse beschrieben und die Bilder sind traumhaft schön. Es freut mich für dich, dass alles so gut läuft bei dir und wünsche dir, das es auch so bleibt. Wir profitieren ja auch davon 😀
    Also, weiter so und pass auf dich auf.

    Ganz liebe Grüße
    Nina

    1. Hallo Nina,
      vielen lieben Dank, wünsche dir auch ein gutes neues Jahr und hoffe ihr seid gut reingerutscht 🙂
      Liebe Grüße
      Moritz

  10. Lieber Moritz,
    wir hoffen, Du bist gesund ins Neue Jahr geradelt , und hast weiterhin soviel Energie und Mut für neue Abenteuer – wie bisher .
    Wir wünschen Dir weiterhin viele schöne Begegnungen mit warmherzigen Menschen und dass es Dir gut gehen möge.

    Liebe Grüße
    Gabi und Frank

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