Iran: Durch die Wüste nach Yazd und Maschhad

Ich war gerade einmal ein paar Kilometer unterwegs, da fingen meine Muskeln an zu krampfen. Zuerst im linken, dann im rechten Oberschenkel, ich spürte die Krämpfe teilweise im unteren Rücken. Je länger ich fuhr, desto schmerzhafter wurden sie. Ich musste anhalten, versuchte die Muskeln zu entspannen, radelte weiter, aber schaffte keine 500 Meter, da die Schmerzen wieder zu groß waren. In leichterer Form hatte ich dies schon als ich in Teheran losgefahren war. Damals halfen Bananen und Trinken, der gewünschte Effekt blieb diesmal leider aus. Ich machte früher Schluss und es mir in einer Lehmhütte auf dem Feld gemütlich. Am nächsten Morgen fand ich beim Zusammenpacken zufällig eine Sitzposition, die die Muskeln sehr gut dehnte. Die Schmerzen ließen nach, die Muskeln verkrampften aber immer wieder in den nächsten Tagen. Am Ende halfen Magnesiumpräparate, die ich von den Österreichern Angi und Reini geschenkt bekommen hatte, die ebenfalls mit dem Fahrrad unterwegs sind und mir in der Wüste entgegen gekommen waren.
In Varzaneh füllte ich meine Vorräte auf, da es die nächsten Tage durch die Wüste nach Nadushan ging. Es waren zwar nur 120 Kilometer, aber wollte ich mir für diese Etappe mehr Zeit nehmen. Einen Tag mehr Ruhe ohne viel Verkehr. An einer Moschee füllte ich mir 15 Liter Wasser ab, zum ersten Mal hatte ich meinen Wassersack im Einsatz. Das Mehrgewicht machte sich beim Radeln sofort bemerkbar, ich freute mich aber als ich auf die „Wüstenstraße“ abbog. Der Verkehr ließ abrupt nach, nur noch alle paar Minuten bekam ich Fahrzeuge zu sehen. Die meisten Menschen waren zum Salzsee unterwegs, dessen Wasser sich aber schon recht weit zurückgezogen hatte und nahe der Straße nicht mehr zu sehen war. Zwei Familien hielten vor mir an, gaben mir innerhalb Sekunden einen Tee und ein Stück Wassermelone, so wurde kurzerhand ein Picknick auf der Straße abgehalten. Das war eine schöne Abwechslung, war ich die Stunden zuvor vor allem psychisch erschöpft und müde und stellte mir jede Menge Fragen.
Überrascht haben mich zwei optische Täuschungen aufgrund der heißen Luftschicht über dem Asphalt. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich es demnächst mit einem steilen Anstieg zu tun bekommen würde, je näher ich diesem aber kam, desto flacher wurde er. Im Endeffekt ging es ganz stetig, ohne große Steigung nach oben. Das andere Mal schien ich einen silberfarbenen Transporter in der Ferne auszumachen. Dieser zog sich von links und rechts zusammen, änderte dabei kontinuierlich seine Farbe bis eine schwarze, vertikale Linie zu sehen war. Als dieser Strich plötzlich nach rechts wanderte und ein Pferd daraus entstand, dachte ich, ich spinne. Das Pferd existierte tatsächlich, in der Nähe befand sich auch ein Esel.

Nachdem ich zwei Wasserquellen passierte, dessen Wasser aber nicht zum Trinken geeignet war, endete der Asphalt und es ging auf Schotter und Sand weiter bis ich die Khargushi Karawanserei erreichte. In der Vergangenheit fanden Reisende hier eine geschützte Unterkunft sowie Essen und Wasser vor. Auf dem Dach schlug ich mein Zelt auf, ein LKW und PKW schauten noch vorbei und so bekam ich auch hier wieder Wassermelone und Tee. Das Fahren in dieser Gegend machte mir überwiegend Spaß. Landschaftlich war es sehr schön und ich genoss die Abgeschiedenheit und Ruhe.

Wieder auf Asphalt unterwegs und mit Rückenwind kam ich schnell in Nadushan an. Bei einer kleinen Tankstelle fegte auf einmal ein Wirbelsturm durch die Straßen. Das Ganze dauerte nur 10 Sekunden, danach war alles sandig und ein frisch betanktes Motorrad, auf dem der Tankdeckel noch nicht aufgeschraubt war, wurde umgeworfen. Als ich am Abend schon im Zelt lag bekam ich überraschenden Besuch. Ein Auto hielt direkt neben mir und drei Männer klopften an meiner Tür. Ich wunderte mich warum sie hier langfuhren und wo sie herkamen, hatte ich zuvor mein Fahrrad über einen sandigen Hügel schieben müssen als ich von der Straße abgebogen war. Die Fragen konnte ich zwar nicht klären, kurzerhand wurde aber ein Teppich vor meinem Zelt ausgebreitet und ich wurde zum – für mich zweiten – Abendessen eingeladen. Ich erreichte Yazd und bekam bei der Stadteinfahrt eine nicht funktionierende Informationstafel zur Luftverschmutzung zu sehen. Die Unterteilung in die drei Bereiche beziehungsweise dessen Werte war allerdings aussagekräftig genug.

Zum Vergleich: der EU-Grenzwert für Feinstaub (PM10) liegt bei 50 µg/m³ – alles im grünen Bereich.

Für drei Tage erholte ich mich in Yazd, ich genoss es im Hostel von anderen Reisenden umgeben zu sein, Spiele zu spielen und sich auszutauschen. Außerdem war es schön sich mal wieder persönlich auf Deutsch unterhalten zu können. In der Stadt herrschte eine ruhige, entspannte Atmosphäre, die Altstadt mit den alten Lehmhäusern und der Freitagsmoschee hat mir gut gefallen. Am Amir Chakhmagh Platz hat mich ein Mann eingeladen die Stadt „von oben“ anzuschauen und führte mich auf das Dach eines nahegelegenen Hauses. Von hier aus konnte ich die vielen Windtürme (Badgir) sehen, die für die Belüftung der Gebäude zuständig sind und für kühle Luft in den Häusern sorgen. Yazd ist das Zentrum des Zoroastrismus, die Religion, die von Zarathustra gegründet wurde. In der Stadt gibt es mehrere Feuertempel, außerhalb Türme des Schweigens (Dachma), in denen die Toten bestattet wurden. In kreisförmigen Gebäuden, die auf Hügeln errichtet wurden und zum Himmel hin geöffnet sind, wurden die Toten von Vögeln gefressen, so dass die Grundelemente des Lebens (Feuer, Wasser, Luft, Erde) nicht kontaminiert wurden beziehungsweise nicht in Kontakt mit den Toten kamen.

An vielen Türen in der Altstadt gab es zwei Türklopfer zu sehen, die einen unterschiedlichen Ton beim Schlagen erzeugen. Einen für Männer, der andere für Frauen. So können sich zum Beispiel Frauen verschleiern, wenn sie alleine zu Hause sind und Männer vor der Türe stehen

100 Kilometer von Yazd entfernt befindet sich Chak Chak, der heiligste Tempel des Zoroastrismus, welcher auch als Pilgerort dient. Der Tempel ist in einen Felsen hineingebaut, Quellwasser fliest die Wände hinunter oder tropft auf den Boden, ein Baum wächst horizontal „aus dem Felsen“ hinaus. Die Aussicht war schön, aber der kleine Raum komplett mit Touristen überfüllt und so radelte ich bald weiter. In Kharanak gab es eine restaurierte Karawanserei und eine alte Lehmstadt zu besichtigen. Das waren die vorerst letzten Sehenswürdigkeiten, die nächsten Tage fuhr ich durch die Wüste in Richtung Nordosten. Ich „hangelte“ mich von Stadt zu Stadt, prüfte im Vorhinein wie weit diese auseinanderlagen um genug Wasser dabei zu haben. Aufgrund der geringen Luftfeuchtigkeit waren mein Mund und Rachen fast immer trocken. Trinken half nur kurzfristig (nach wenigen Minuten hatte ich wieder ein kratziges Gefühl im Hals), langfristig half ein Schal, den ich mir vor Mund und Nase zog und der mich so auch vor Sand und Staub schützte. Zwei Tage hatte ich mit starken Winden zu kämpfen, die entweder direkt von Vorne oder von der Seite kamen. Ich kam langsamer voran, war vom Wind genervt. Dazu wehte es den Sand über die Straße oder mir direkt ins Gesicht. Ich war unglaublich schlecht gelaunt und fragte mich, warum ich mir das antue. Ich stellte die Reise in Frage und war kurz davor mein Fahrrad in einen LKW zu verfrachten. In der Mittagspause hörte ich es auf einmal aus dem Reifen zischen, ich hatte während eines Nickerchens einen Platten bekommen. Ich versuchte drei Mal den Schlauch zu flicken, stellte dann aber fest, dass dieser entlang der „Naht“ auf der Unterseite nach dem erneuten Aufpumpen aufgerissen war. Ich wechselte den Schlauch und fuhr die restlichen Kilometer nach Tabas, wo ich mir für zwei Nächte ein Hotelzimmer nahm und einen Pausentag einlegte. Ich unternahm nichts, meine Hauptbeschäftigung war neue Podcast-Folgen bei schlechtem Internet herunterzuladen und Essen. Podcasts und Musik hatten das Fahren die Tage zuvor erträglicher gemacht.

Das übliche Landschaftsbild zeigte Felsen und Steine, knapp 100 Kilometer hinter Tabas gab es allerdings Sanddünen, die ich mir näher anschaute. Auf dem Weg zurück zur Straße wurde ich von zwei Schülerinnen zum Mittagessen eingeladen. Drei Schulklassen aus dem 15 Kilometer entfernten Eshqabad machten einen Ausflug zu den Dünen und verbrachten den restlichen Tag im angrenzenden Dorf. Ich wurde umlagert und es wurden jede Menge Fotos gemacht. Ein paar Schülerinnen, die Englisch sprachen, übersetzten die Fragen und Antworten. Nach dem Mittagessen wurde auf einem Sandplatz Fußball gespielt, die meisten sind begeistert von dieser Sportart, aber traurig, dass sie als Frauen keine Fußballspiele im Stadion besuchen dürfen. Ich hatte viel Spaß und verbrachte den halben Tag mit den Schülerinnen. Nachdem ich tagezuvor stark zweifelte, wurde ich an diesem Tag wieder erinnert, dass die Reise eben auch positive und nicht planbare Erlebnisse hervorrufen kann: unerwartet eingeladen und herzlich von Fremden empfangen zu werden. Ich war froh, dass ich nicht einfach daran vorbeigefahren war und dies erlebt hatte.

Am selben Tag fuhr ich hinter Eshqabad auf eine abgelegene Straße. In der Nacht hatte es wieder stark angefangen zu winden, bisher hatte ich immer versucht alte Lehmhütten zu finden, die es öfters neben den Straßen zu sehen gab, um windgeschützt übernachten zu können. Im Zelt sammelte sich der Sand, der durch die feinmaschigen Belüftungsflächen sein Weg ins Innere fand.
Der Wind kam aus Nordosten, ich musste immer wieder anhalten, weil dieser zu stark war oder ich aufgrund des Sandes die Augen nicht offenhalten konnte. Im Minutentakt wehte so viel Sand über die Straße, dass ich nur 10 bis 20 Meter weit sehen konnte. Nachdem ich in 45 Minuten keine drei Kilometer geschafft hatte, entschied ich mich umzudrehen und zur größeren Straße zurückzukehren. Hätten die Windverhältnisse angehalten, hätte ich nicht rechtzeitig das nächste Dorf erreicht und mir wäre das Wasser ausgegangen. Nun drückte mich der Wind nach vorne, innerhalb von Sekunden beschleunigte ich auf 40 km/h ohne in die Pedale treten zu müssen, erreichte nach wenigen Minuten die Hauptstraße und bog rechts ab. Je weiter ich in den Norden kam, desto grüner wurde es. Ein Großteil des Grüns stammte von Nutzpflanzen, die durch angelegte Kanäle mit Wasser versorgt werden. Ich freute mich wieder etwas Abwechslung zu haben.

Nach 13 Tagen und über 1000 Kilometern nachdem ich in Yazd losgefahren war, erreichte ich schließlich Maschhad, die zweitgrößte Stadt des Irans. Mohammadreza, den ich zwei Tage zuvor auf der Straße getroffen hatte, lud mich ein und stellte mir sein Büro zu Verfügung. Er und seine Freunde führten mich in der Stadt herum, wir fuhren aus Maschhad hinaus in die Natur und statteten dem Grab des berühmten Dichters Ferdowsis einen Besuch ab. Mir wurde geholfen einen Friseur zu finden, Fahrradteile zu besorgen und man nahm mich mit in ein Fitnessstudio um im Saunabereich zu entspannen.
Maschhad gilt als die religiöse Hauptstadt des Irans, da Imam Reza, einer von 12 heiligen Imamen des Shia-Islams, hier begraben liegt. Der Schrein ist die flächenmäßig größte Moschee der Welt. In den Räumen und auf den Plätzen im Freien war viel los, die Gläubigen lasen im Koran, beteten, saßen still oder hörten einem Redner zu. Je näher wir der Grabkammer kamen, desto größer wurde das Gedränge. Ich bin teilweise fasziniert davon, kann es aber auch nicht wirklich nachvollziehen, warum ein Toter beziehungsweise eine Religion eine so große Anziehung entwickeln kann. Das goldene Eingangsportal wurde gestreichelt und geküsst, mit den Händen wurde über die Stäbe gefahren, die den Sarg umgaben, Gebete wurden gemurmelt und durch einen Schlitz oberhalb der Stäbe wurden Geldscheine zum Sarg hineingeworfen.

Blumen sind im Iran ein beliebtes Fotomotiv …
… da stellt man sich auch schon mal in ein Rapsfeld.

Während meiner Zeit in Maschhad begann der Fastenmonat Ramadan. Einen großen Unterschied spürte ich allerdings nicht, das Leben auf den Straßen ging weiter wie zuvor. Als ich wieder mit dem Fahrrad unterwegs war sah ich auch viele Leute essen und trinken, auf einem Parkplatz wurde ich von zwei LKW-Fahrern zum Mittagessen eingeladen. Wer auf Reisen ist oder bei dem das Fasten gesundheitliche Probleme hervorrufen kann, darf darauf verzichten.

Nach einer einwöchigen Pause in Maschhad machte ich mich auf den Weg zur Grenze und fuhr in drei gemütlichen Tagen die 200 Kilometer nach Sarakhs. Ich verbrachte eine Nacht im Hotel und reiste am nächsten Tag nach Turkmenistan ein.

Iran: Über Qom und Kashan nach Isfahan
Turkmenistan: Fünftägiger Transitaufenthalt

2 Kommentare zu „Iran: Durch die Wüste nach Yazd und Maschhad“

  1. dick branderhorst

    hallo Mo,
    Toll um ihre Erfahrungen und schone Fotos an zu schauen. Deine Eltern haben mir aufmerksam gemacht auf dein Blog. Wir begegnete einander auf ein Campingplatz in Lauterburg. Mit meine Frau bin ich unterwegs von Holland nach Italien und naturlich auch auf das Fahrrad. Wir sind ein bischen älter als dich (70+) so wir verwöhnen uns jetzt mit Ebikes.
    Deine Erfahrungen bestätigen auch wieder dass mit „Slow Travel“ man wirklich ihre „Nachbarn“ kennen lernt.
    Gute Reise weiter, viel Spass aber passe auch gut auf dich selbst!.

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