Iran: Der grüne Norden

Seán und ich waren beide erschöpft, war dies mittlerweile schon Tag 10 seit der Abfahrt in Tiflis. Bis zur nächsten größeren Pause waren es aber noch 180 Kilometer, so verbrachten wir den ersten Tag im Iran mit viel Tee und Essen. Am Abend steuerten wir einen Strand am Kaspischen Meer an. Da es einigermaßen warm war, sprangen wir ins kalte, erfrischende Wasser, schrubbten unsere Körper und stiegen danach wieder in unsere stinkigen Klamotten. Am darauffolgenden Tag kamen wir schnell voran und entschieden uns zur Mittagszeit die insgesamt 136 Kilometer nach Rascht zu fahren. Die letzten zwei Stunden legten wir bei Dunkelheit zurück, wir schlängelten uns durch den verrückten Innenstadtverkehr und kamen nass bei unserem Couchsurfinghost Amin und dessen Familie an. Der Regen verwunderte nicht, fallen doch in der Provinz Gilan die meisten Niederschläge im Iran und trägt dessen Hauptstadt Rascht den Spitznamen „Regenstadt“. Amin führte uns in der Stadt herum, zeigte uns den besten Falafelstand und ein „Game Center“, wo mehrere Spielekonsolen zum Mieten bereitstehen und für ein paar Cent Fifa gespielt werden kann. In einer Wechselstube wechselten wir unsere ersten US-Dollar, die wir an einem Geldautomaten in Tiflis abgehoben hatten. Da der Iran nicht an das internationale Bankensystem angeschlossen ist funktioniert die heimische Kreditkarte im Land nicht. Das benötigte Geld muss somit in Bar mitgebracht werden.

Wie es der Zufall wollte, feierte Amins Cousine während unseres Aufenthalts ihre Hochzeit. Wir wurden kurzerhand eingeladen und Amins Bruder stellte mir eines seiner Hemden zur Verfügung. Die Hochzeit fand in einem großen, fast schon palastähnlichen Gebäude statt, welches explizit für solche Anlässe gemietet werden kann. Frauen und Männer versammelten sich in verschiedenen Räumen, die Pausen sowie das Abendessen fanden getrennt statt. Für die Begrüßung des Brautpaars und die eigentliche Feier mit Tanz und Musik ging es zusammen in den großen Saal.

Während unserer Zeit in Rascht fand auch Nouruz, das iranische Neujahrsfest statt. Die Feierlichkeiten begannen aber schon vor dem eigentlichen Neujahrstag. Am letzten Mittwoch im Jahr werden auf der Straße Feuer entzündet und durch diese hindurchgesprungen um somit Schwächen und Probleme hinter sich zu lassen und mit Stärken und Gesundheits ins neue Jahr zu starten. Richtig miterleben konnten wir dieses Erlebnis allerdings nicht, da wir zur selben Zeit bei erwähnter Hochzeit waren. Die exakte Uhrzeit des Jahreswechsels variiert von Jahr zu Jahr, richtet sich diese nach der Tagundnachtgleiche. Das Jahr 1398 wurde um 01:28 Uhr eingeläutet, den Start ins neue Jahr verschlief aber die komplette Familie, da alle sehr müde von der Hochzeit am Vortag waren. Am Neujahrstag wurden die Familien besucht. Zu Beginn gab es Tee und Snacks, danach das Mittagessen, welches man, wie im Iran üblich, auf dem Boden sitzend zu sich nimmt. Ganz praktisch, benötigt man so keinen großen Tisch, sondern nur einen großen Raum in dem man eine Tafel mit „Tischtüchern“ auslegen kann.
Mit Amins Vater haben wir einen Ausflug in das 40 Kilometer entfernte Bergdorf Masouleh gemacht, dessen Architektur besonders ist. Die Dächer der niedriggelegeneren Häuser dienen als Wege, Gassen und Zugang zu den höhergelegenen Häuser. Auf knapp 1000 Meter war es wieder ziemlich kalt, auch Schnee war hier noch zu sehen.

Nach vier Tagen in Rascht verabschiedeten wir uns bei Amin und seiner Familie und machten uns auf den Weg in Richtung Teheran. Die Strecke war weiterhin sehr grün, es ging an einem Fluss entlang und am Horizont ließen sich schneebedeckte Berge ausmachen. Am späten Nachmittag füllten wir an einer Tankstelle unsere Benzinflaschen auf, einer der Mitarbeiter bot uns an unterm Tankstellendach unsere Zelte aufschlagen zu können. Dies nahmen wir gerne an, da während unserer Pause Seáns Reifen Luft verloren hatte und es schon relativ spät war. Einziger Nachteil dieses Schlafplatzes: das durchgehende Piepsen der Tanksäule und die hellen Strahler unter dem Dach. Es war taghell im Zelt, aber so hatten wir immerhin keine Taschenlampe benötigt.

Persische Zahlen für Anfänger

Uns erwartete ein kleiner Berganstieg, leider hatten wir zusätzlich noch mit Gegenwind zu kämpfen. Kurz vor der Passhöhe würden wir in eine Bäckerei eingeladen und uns wurde gezeigt wie das Brot hergestellt wird. Zum Gegenwind kam später noch Regen, für die Nacht fanden wir ein verlassenes Gebäude. Auch am nächsten Morgen erwartete uns bei 6°C Gegenwind und Regen, nach kurzer Zeit waren wir komplett nass, in den Schuhen sammelte sich das Wasser. In der Hoffnung wieder unter einem Dach zelten zu können, hielten wir bei einer Tankstelle. Der Mitarbeiter stellte uns freundlicherweise den kleinen Gebetsraum zur Verfügung. Unsere Sachen trockneten nur teilweise, was sich aber auch nicht wirklich gelohnt hätte. Am nächsten Tag fing es zur Mittagszeit wieder an in Strömen zu regnen. Wir radelten durch Karaj, 50 Kilometer westlich von Teheran. Mit seinen 2 Millionen Einwohnern und der Nähe zur Hauptstadt wirkt Karaj aber wie ein Vorort Teherans. Unterführungen waren vollgelaufen, auf den Straßen stand das Wasser, bis zu 20 Zentimeter hoch. In den letzten Wochen hatte es unverhältnismäßig viel im Iran geregnet. Viele Flüsse sind über die Ufer getreten, ganze Städte wurden überflutet, dutzende Menschen starben.

Die Teigrohlinge werden flach gedrückt bis diese einen Durchmesser von ca. 15 cm haben und 1 cm dick sind und danach in die Maschine gegeben. Der Teig ist nun sehr flach, wird mit den Händen und Armen „geschlagen“ und weiter gedehnt und auf ein Kissen gelegt.
Mit Hilfe des Kissens wird der Teig an der Innenseite des Ofens platziert. Innerhalb der ersten Sekunden bilden sich Bläschen, nach ca. 15 Sekunden wird das fertige Brot von der Wand gezogen.

Während unserer Einfahrt nach Teheran folgte uns ein Auto mit Warnblinker für über eine Stunde um uns den Rücken von Autos, Bussen und LKWs freizuhalten und diese am zu knappen Überholen zu hindern. Beim Freiheitsturm (burj-e azadi) im Westen Teherans trennten sich unsere Wege, wir bedankten uns beim Fahrer, dessen Augen vor Freude nur so strahlten. Überglücklich warf er mehrmals seine Hände zusammen und winkte uns ekstatisch zu. Nach einer kurzen Pause am Azadiplatz fuhren Seán und ich die letzten 20 Kilometer durch Teheran. Der Verkehr war nicht so anstrengend wie erwartet (Istanbul war eine andere Liga), lag dies aber vermutlich an den zweiwöchigen Neujahrsferien, in der viele Einwohner die Stadt verlassen hatten. Dazu war ich nicht alleine, was das Abbiegen und die Spurwechsel etwas entspannter machten.

In Teheran übernachten wir bei Reza, der uns einen Tag vor unserer Ankunft zu sich eingeladen hatte, nachdem er gehört hatte, dass wir nach Teheran kommen. Reza war der erste Mitarbeiter in Mark’s Hostel in Tiflis, so kam auch der Kontakt zu Stande. Reza erzählte viel über den Iran. Vor ein paar Jahren verdiente er als Programmierer 3000 – 4000 USD, mittlerweile wären es nur noch ein paar hundert Dollar. Aufgrund der US-Sanktionen verlor der iranische Rial, beziehungsweise Toman wie die Währung im Land genannt wird, stark an Wert. Für die Iraner wird das Ausland unbezahlbar, für Touristen der Iran unverschämt günstig.
Wir statteten der Botschaft von Turkmenistan einen Besuch ab um das Transitvisum zu beantragen. Nachdem wir dem hilfsbereiten Mitarbeiter Fragen zur Ausfüllung des Antrages stellten, drückte uns dieser eine Kopie eines Visumsantrags als Vorlage in die Hand. Die Welt ist klein – der Antrag war von zwei Franzosen, mit denen Seán im Balkan zusammengeradelt war. Wenn alles glatt läuft, kann ich das Visum in ein paar Wochen in Maschhad im Nordosten Irans abholen.
Äußerst interessant zu sehen war die Metro. Zum einen gibt es extra Wagons für Frauen am Anfang und Ende eines jeden Zugs, zum anderen entpuppte sich die Metro als kleiner Basar. Verkäufer streiften durch die Züge, hängten ihre Waren an die Haltestangen und hielten richtige Verkaufspräsentationen ab. Die Auswahl war groß: Süßigkeiten, Kleidung, Spielzeug, Geldbeutel, Elektronik oder auch Spülschwämme.

Viel Sightseeing haben wir nicht gemacht, schlenderten wir lieber durch die Straßen, Parks und Basare und gingen in den größten Vergnügungspark Irans, dessen Fahrgeschäfte in die Jahre gekommen waren und nicht den sichersten Eindruck erweckten. Wir trafen uns mit neuen und alten Freunden und entspannten bei Reza zu Hause. Aufgrund erneut starker Niederschläge verschoben wir unsere Abfahrt um zwei Tage und blieben somit für knapp eine Woche in Teheran.

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1 Kommentar zu „Iran: Der grüne Norden“

  1. Lieber Moritz,
    deinen neuen Reisebericht habe ich wieder mt großer Freude gelesen!
    Es ist wahnsinnig, welche Erfahrungen und interessanten Begegnungen du auf deiner Reise machst.
    Fahrt mal noch schön eine Weile zusammen (deutsch/irischer Kreisel😂) und kommt weiterhin gut voran.
    Liebe Grüße, Frank

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