Griechenland und Türkei: Die letzten Tage in Europa

Ich fuhr an einer kilometerlangen Schlange Lkws vorbei und bevor ich mich umsehen konnte war ich schon am ersten Grenzposten vorbei. Bin ich gerade wirklich ohne Kontrolle aus Bulgarien gefahren? Ein paar Sekunden war ich verwirrt, dann wurde mir klar: ich befand mich an einer innereuropäischen Grenze. Auf der griechischen Seite hat man mich nach vorne gewunken, einen kurzen Blick in den Pass geworfen und schon radelte ich meine ersten Kilometer auf der Autobahn. Es war Sonntag, kaum Autos auf der Straße und mir stand ein zwei Meter breiter Seitenstreifen zur Verfügung. Die Stimmung war gut, ich freute mich in Griechenland zu sein. Auf der Autobahn kam ich schnell voran, mit der Zeit wurde es aber ein wenig öde, also nahm ich die nächste Ausfahrt und fuhr entlang der vielen Felder. In dieser Region wird überwiegend Baumwolle angebaut. Es war Erntezeit, die Mähdrescher luden auf den Feldern die weißen Samenhaare ab, so dass riesige Haufen entstanden. An den Straßenrändern sammelte sich die Baumwolle, die durch den Fahrtwind von den Lkws geweht wurden.
Eines Morgens lag ich im Zelt und hörte einen Knall. Ich kroch ins Freie und sah ein paar Meter von mir entfernt einen Jäger auf einem Klappstuhl sitzen. Während ich mein Zelt zusammenpackte zuckte ich erneut zusammen und beobachtete wie ein Vogel wie in Zeitlupe vom Himmel fiel und mit einem dumpfen Geräusch auf dem Feld landete. Wenn ich den Jäger richtig verstanden hatte, dient dies zum Schutz der Pflanzen auf den umliegenden Feldern.

Über Kavala fuhr ich in Richtung Xanthi. Ich kam nur langsam voran, war erschöpft, da halfen auch nicht die Laugenbrötchen, die ich in einem deutschen Supermarkt gefunden hatte. Immer wieder machte ich kurze Pausen um mich vor dem Fahren zu drücken. Umso glücklicher war ich als ich am Abend Xanthi erreichte. Die nächsten zwei Tage verbrachte ich bei Georgia und es war schön wieder eine längere Zeit mit Menschen zu verbringen. Gut ausgeruht ging es von Xanthi in Richtung Mittelmeer. Da es etwas stärker windete suchte ich mir in den nächsten zwei Tagen windgeschützte Stellen zum Übernachten. Ich fand in einem kleinen Stromhäuschen und in einem nicht fertig gestelltem Haus Unterschlupf. Letzteres hatte leider noch kein Dach und so musste ich nach einer gefühlten Ewigkeit mal wieder aufgrund von Regen in mein Zelt flüchten.

Home Sweet Home

Um die Mittagszeit erreichte ich am nächsten Tag die griechisch-türkische Grenze. Es herrschte ein ziemliches Chaos. Lkws standen kreuz und quer und blockierten beide Straßenseiten inklusive Dauergehupe. Kurz vor der Brücke, die den Grenzfluss Mariza überspannt, gab mir ein Soldat ein Zeichen, dass ich zur Seite fahren und anhalten soll. Während er vermutlich den türkischen Kollegen Bescheid gegeben hatte, dass ein Fahrradfahrer die Brücke passieren wird, erkundigte sich ein anderer Soldat nach meinem Lieblingsverein. „Bayern? Dortmund?“ Die Antwort „Stuttgart“ brachte ihn zum Schmunzeln. Nach fünf Minuten ließen mich die Soldaten die Brücke überqueren und ich kam auf der türkischen Seite an. Ich musste drei Mal meinen Pass vorzeigen, nach meiner Route oder meinem Gepäck wurde aber nicht gefragt. Auf den ersten Kilometern in der Türkei musste ich gleich mehrmals durch Rauchschwaden fahren. Die Bauern brannten ihre Felder ab und der Wind blies den Rauch quer über die Straße. Brennenden Feldern sollte ich noch ein paar Mal begegnen. Während in Griechenland viel Baumwolle angebaut wurde, pflanzen die türkischen Bauern Reis an. Dieser wurde mittlerweile schon geerntet und von der Straße aus sah ich viele Silos in denen die Hülle vom Reiskorn getrennt wurde.

Die nächsten Tage fuhr ich über Felder und durch Dörfer. Landschaftlich nicht schön, hügelig, sehr monoton, aber es war interessant in eine neue Kultur einzutauchen. Die Türken sind sehr freundlich – ich habe noch nie so oft Hallo gesagt wie in meinen ersten Tagen in der Türkei – und ich werde täglich zum Çay (Tee) eingeladen. Außerdem gibt es hier wieder mehr vegetarische Optionen, nachdem der Balkan doch sehr fleischlastig war. Einer meiner bisherigen Favoriten ist Çiğ Köfte, eine Bulgur-Tomaten-Gewürz-Mischung, die man mit Salat und Tomate entweder als Bällchen oder in einem gerollten Fladenbrot (wie ein Yufka/Dürüm) isst. Abgerundet wird das Ganze mit Zitronensaft, einer scharfen Soße und Granatapfelsirup. Übersetzt heißt Çiğ Köfte „rohes Fleisch“, die traditionelle Version wird auch mit rohem Lammfleisch zubereitet, in den Straßenläden ist es aber per Gesetz vorgeschrieben die fleischfreie Alternative zu verkaufen.

Die letzte Nacht vor Istanbul verbrachte ich wieder auf einem Feld. Während der Nacht und am Morgen hatte es geregnet und gewittert, der Acker auf dem ich tags zuvor noch fahren konnte, hatte über Nacht etwas an seiner Festigkeit verloren. Ich kam keine zwei Meter, denn schon hatte sich so viel Matsch zwischen Schutzblech und Rädern verfangen, dass diese blockierten. Schieben war unmöglich, also schleppte ich die Taschen und das Fahrrad einzeln bis zur Straße, wo ich die Reifen vom Matsch befreite. Nachdem mir auch noch der Ständer abgebrochen war machte ich mich deutlich später als geplant auf den Weg nach Istanbul. Der Verkehr nahm zu, die dreispurige D100 brachte mich in die Innenstadt. Die Breite des Seitenstreifens variierte zwischen einem Meter und zehn Zentimeter. Spaß macht diese Art des Radelns nicht, aber fand ich das Fahren auf der D100 weniger anstrengend als die 9 Kilometer in der Innenstadt für die ich über zwei Stunden benötigte. Während ich auf der Schnellstraße quasi an der Leitplanke klebte, es nur in eine Richtung ging und der Verkehr lediglich links an mir vorbeizog (außer bei Ein- und Ausfahrten) kamen die Autos und Rollerfahrer in der Stadt von allen Seiten und ich musste auch links und rechts statt nur geradeaus fahren. Selbst für mich als Fahrradfahrer war im dichten Stadtverkehr teilweise kein Durchkommen, so tat ich es den Rollerfahrern gleich, nutzte auch den Gehweg und schlängelte mich durch die Straßen bis ich den Hafen erreichte. Nachdem ich mit dem Schiff auf die asiatische Seite übergesetzt hatte, folgten die letzten Kilometer bei Dunkelheit. Dies hatte ich eigentlich vermeiden wollen, aber aufgrund des matschigen Ackers am Morgen und eines ungeplanten Umwegs hatte ich Zeit verloren. Um kurz nach 7 kam ich schließlich in Erenköy bei meinem Warmshowers Host Tan an. Ich stellte mein dreckiges Fahrrad in die Ecke und freute mich über eine warme Dusche.

Mazedonien und Bulgarien
Türkei: Istanbul und ein Ausflug nach Süden

9 Kommentare zu „Griechenland und Türkei: Die letzten Tage in Europa“

  1. Lieber Moritz,
    Was für eine Leistung: von Schmiden mit dem Fahrrad über den Balkan nach Istanbul!!!
    Du kannst seeehr, seeehr stolz auf dich sein.
    Alle, die das hier und in der Umgebung mitbekommen, ziehen den Hut vor dir. Manche können es gar nicht glauben und staunen, was du bisher alles erlebt hast und wollen wissbegierig deinen „Blog“ haben.
    Das unschöne Matscherlebnis wirst du schnell vergessen. Genieße die Tage in Istanbul und sammle weiterhin DEINE Geschichten🌏.
    Wir drücken dich von Herzen, viele liebeGrüße nach Istanbul🤗

  2. Lieber Moritz,

    es ist immer wieder aufs Neue faszinierend wie Du mit dem Fortbewegungsmittel Fahrrad diese Strapazen und Widrigkeiten auf Dich nimmst und inzwischen Istanbul erreicht hast.
    Die Gastfreundschaft der Menschen denen Du begegnest, Dein fester Wille weiter zu fahren, die Neugier für das Kommende sowie das Ziel China machen Deine Reise so einmalig und wertvoll!
    Das Schmunzeln des Soldaten zu der Frage Deines Lieblingsvereins VfB Stuttgart ist derzeit als Tabellenvorletzter sicherlich angebracht.
    Für Deine nächsten Etappen wünsche ich Dir viel Glück, gutes Wetter und wenig Pannen.
    Bleib gesund und munter und lass es Dir weiterhin gutgehen.
    Ich freue mich auf Deinen nächsten Blog.

    Liebe Grüße
    Papa

  3. Lieber Moritz,
    jetzt hast du Europa hinter dir gelassen! Respekt für die geschätzten 4.500km deiner bisherigen Reise. Die restlichen 12.000 (?) km kriegst du bestimmt auch noch gut hin😃
    Bleib gesund und trete weiterhin fest in die Pedale!

    Es war schön für Kristiana und mich an deinem Geburtstag so lange mit dir telefonieren zu können.
    Liebe Grüße, Frank

  4. Lieber Moritz,

    es ist nach wie vor unglaublich, was Du leistest und erlebst. Wir denken viel an Dich und wünschen Dir weiterhin gute Erfahrungen, freundliche Menschen und vorallem, daß du gesund bleibst.

    Alles Liebe
    Gabi und Frank

  5. Oma und Heinze

    Lieber Moritz,
    Ich hoffe, daß ich jetzt selbständig deine Berichte lesen kann. Sie sind alle toll und ich lese sie mit Begeisterung. Alles alles Gute weiterhin, bleib gesund und erlebe noch ganz viel Schönes auf deiner großen Reise.
    Liebe Grüße aus der Keplerstrasse von deiner Oma und Heinze

  6. Hallo Moritz, bei Deinem Bericht ist man fast selbst dabei und kann sich die Stationen gut vorstellen, insbesondere dann, wenn auch noch Bilder zu sehen sind. Du kommst flott voran. Pass weiter auf Dich auf und immer einen guten Rückenwind 😊

    1. Da muss sich die Fangemeinde noch ein paar Tage gedulden. Ich bin immer noch in Istanbul, werde aber bald weiterfahren. Davor gibt es aber natürlich etwas neues zu lesen 😉

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