Zwei Wochen in Bosnien und Herzegowina

Wie ich schon beim letzten Mal erwähnte endete die Bergab-Fahrt aus dem Nationalpark Tara erst in Bosnien und Herzegowina. Kurz hinter der Grenze bog ich auf einen Campingplatz ab um wieder einen Pausentag einzulegen. An meinem freien Tag machte ich mich auf den Weg nach Višegrad, bis auf eine historische Brücke aus dem 16. Jahrhundert hat die Stadt allerdings nicht viel zu bieten. Da es in dieser Gegend keine Busverbindung gibt, streckte ich den Daumen raus und legte die 20 Kilometer per Anhalter zurück. Dies hat sowohl auf der Hin- als auch auf der Rückfahrt super funktioniert. Tags darauf schwang ich mich wieder auf mein Fahrrad und radelte entlang des türkisblauen Wassers der Drina. Zuerst war ich auf einer Hauptstraße unterwegs, der Verkehr hielt sich in Grenzen. Nachdem ich aber durch mehrere Tunnel fahren musste, die teilweise nicht beleuchtet waren, wechselte ich bei der nächsten Möglichkeit auf die andere Flussseite. In Goražde begab ich mich auf die Suche nach einem Schlafplatz und fuhr auf einem kleinen Weg direkt an der Drina, welcher allerdings in einer Sackgasse endete. Hier wurde ich aber von einem Mann empfangen, der mich auf seinem Grundstück übernachten ließ. Zum Abendessen brachte er mir noch eine warme Tasse Tee ans Zelt. Sein Freund, der in der Heimat Urlaub machte, diente als Übersetzer. Bosnisch-Schwäbisch/Schwäbisch-Bosnisch. Der gute Mann arbeitet als Straßenbauer in Stuttgart.

Spielkameraden für 30 Minuten

Am nächsten Tag erreichte ich Tjentište, der Hauptort mitten im Sutjeska-Nationalpark. Die Natur hier ist wunderschön und so begab ich mich mit vier Mitstreitern auf eine Wanderung auf den Maglić, den höchsten Berg des Landes. Wir entschieden uns eine anspruchsvollere Route zum Gipfel zu nehmen, eine Infotafel hatte zwar Kletterausrüstung empfohlen, diese war aber nicht von Nöten – zumindest bei Sonnenschein. Der Wanderweg wurde teilweise sehr schmal und es waren einige steile, kurze Kletterpassagen dabei, allerdings war an diesen Stellen auch immer ein Stahlseil montiert an dem man sich festhalten beziehungsweise hochziehen konnte. Anstatt der auf bisherigen Wanderungen üblichen Gipfel-Toblerone gab es diesmal einen Schnaps von lettischen Wanderern. Der Abstieg war weniger anspruchsvoll und die Route zurück zum Ausgangspunkt führte uns durch Montenegro und dementsprechend auch durch einen anderen Nationalpark, für den wir an einem Häuschen mitten im Nirgendwo eine Gebühr entrichten mussten. Es ist schon etwas skurril, wenn man einfach nur durch die Natur läuft und aus dem nichts erscheint ein Mann, der „Ticket, Ticket!“ ruft.

Die Strecke im und vom Nationalpark in Richtung Mostar war sehr schön. Obwohl ich wieder auf einer Hauptstraße fuhr, waren nur sehr wenige Autos unterwegs. Wegen der schlechten Erfahrungen ein paar Tage zuvor bog ich von der Hauptstraße ab um einen zwei Kilometer langen Tunnel zu umfahren. Die „Umgehungsstraße“ war nach einigen Kilometern aber nicht weiter befahrbar, da sie komplett zugewachsen war und eine eingestürzte Brücke die Fahrt über einen Fluss verhinderte. Einen anderen Weg gab es nicht, also blieb mir nichts anderes übrig als wieder auf die Hauptstraße zurückzukehren. Die Fahrt durch den Tunnel war im Endeffekt gar nicht gefährlich. Der Tunnel war sehr gut ausgeleuchtet und es gab sogar einen kleinen Bordstein auf dem ich fahren konnte.

Stari Most („Alte Brücke“), Mostar

Langsam aber sicher näherte ich mich Mostar. Nachdem es 35 Kilometer nur bergab gegangen war, erwartete mich im Tal wieder eine unglaubliche Hitze. Kaum zu glauben, nachdem mir am Morgen vor Kälte noch fast die Finger abgefallen waren. Die hohen Temperaturen waren aber nicht anders zu erwarten, denn Mostar liegt auf einer Höhe von nur 60 Metern, ist aber von fast 2000 Meter hohen Bergmassiven umgeben. Da die Stadt auch noch der sonnenreichste Ort des Landes ist, ist Mostar die heißeste Stadt von Bosnien und Herzegowina. Über Warmshowers (eine Plattform wie Couchsurfing, aber speziell für Fahrradreisende) habe ich eine Übernachtungsmöglichkeit etwas außerhalb der Stadt gefunden. Auf einem 18000 m² großen Grundstück auf dem überwiegend Trauben wachsen ist eine Gruppe junger Leute daran interessiert einen nachhaltigen Anbau von Pflanzen auf Basis der Permakultur umzusetzen. Neben den unzähligen Weintrauben gibt es viele Oliven-, Feigen- und Granatapfelbäume, im Garten und Gewächshaus wird verschiedenes Gemüse angebaut. Es herrschte eine sehr gemütliche Atmosphäre und ich traf auf viele nette Leute. Schlussendlich blieb ich für fast eine Woche, so konnte ich eine Erkältung auskurieren aber auch beim Bau eines Holzhauses helfen, welches schon bald eine Küche beherbergen und als Klassenzimmer dienen soll. In Zemljani („Erdlinge“, Name der Gruppe/des Projekts) hat es mir super gefallen, ich freute mich aber auch, dass es nach sechs Tagen Pause wieder weiterging.

Über Mostar und Stolac fuhr ich bis kurz vor Ljubinje, wo ich auf der einzigen ebenen Fläche, die ich finden konnte, übernachtete. Leider scheinen die Einheimischen diesen Platz als Müllhalde zu nutzen. Der schöne Anblick der umliegenden Berge im Morgengrauen ließ den Müll aber in Vergessenheit geraten, vor allem wenn ich den Kopf ein wenig in den Nacken legte. Am Abend fuhr ich kurz hinter Trebinje auf einen Campingplatz um meine restlichen Mark loszuwerden, blöderweise wollten die Besitzer kein Geld von mir und boten mir auch noch eine Nacht im Bungalow an.
Nachdem ich das Land auf einer Bergab-Passage betreten hatte, ging es zum Abschluss nochmal ordentlich bergauf. Der Grenzübergang (meiner Wahl) nach Montenegro lag auf einer Passhöhe auf über 1000 Metern. Nach zwei Wochen in Bosnien und Herzegowina verließ ich zur Mittagszeit das Land und trat zum ersten Mal in Montenegro in die Pedale.

Serbien: Nationalpark Tara
Montenegro, Albanien und Kosovo

7 Kommentare zu „Zwei Wochen in Bosnien und Herzegowina“

  1. Lieber Moritz,

    immer wieder aufs Neue begeistern mich Deine Geschichten in den entsprechenden Regionen und die tollen Fotomotive. Es ist schön zu wissen dass Du immer wieder auf gastfreundliche Einheimische triffst und sich neue Bekanntschaften mit anderen Langzeitreisenden ergeben.
    Weiterhin eine schöne, erlebnisreiche und spannende Reise für Dich.

    Viele Grüße Papa

  2. Lieber Mo,
    auch ich lese mit Begeisterung deine Ausführungen und freue mich wöchentlich auf deine neuen Erlebnisse.
    Sehr schön finde ich, dass du so viele positiven Erfahrungen mit den Menschen der Regionen machen kannst. Das hätte ich ehrlich gesagt so nicht unbedingt erwartet.
    Habe weiterhin viel Spaß auf deiner Reise
    Ganz liebe Grüße aus Oeffingen
    Annette

    1. Hallo Annette,
      vielen Dank, das freut mich. Die Menschen sind tatsächlich überwiegend nett, hilfsbereit und interessiert daran, was ich mache. Manche schauen ein wenig irritiert (zumindest deute ich das so), negative Erfahrungen hatte ich aber bisher nicht.
      Viele Grüße
      Mo

  3. Lieber Moritz,
    ich kann mich nur Frank anschließen…ich bewundere Deinen Mut und Ausdauer, auch würde ich solch eine Reise toll finden, wüßte aber nicht, ob ich den Mut dazu hätte….
    Deine Reiseberichte gehen unter die Haut , Du bescheibst es sehr eindrücklich und man reist ganz nah mit Dir mit.
    Wir denken an dich und wünschen wir weiterhin solch schöne Eindrücke und gastfreundliche Menschen um Dich.
    Ganz liebe Grüße aus Berlin

    1. Liebe Gabi,
      vielen lieben Dank für deinen netten Kommentar.
      In den letzten zwei Wochen hatte ich wieder viele schöne Eindrücke sammeln können und habe erneut gastfreundliche Menschen getroffen. Noch etwas Geduld, in den nächsten Tagen gibt es über diese Erlebnisse einen neuen Bericht. 🙂
      Viele Grüße nach Berlin

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